Angelsachsenbrunnen in Waltenschwil. Das aus der Erde hervorquellende Wasser hilft bei schlecht heilenden Wunden. (Bild: Kurt Lussi)


Vortrag im Museum für Urgeschichte, Zug

Magisch-religiöse Heilrituale

Nach den Vorstellungen fast aller ursprünglichen Kulturen haben Krankheiten keine natürlichen Ursachen, sondern sie entstehen durch das Einwirken von Dämonen, unruhigen Totengeistern oder durch Zauberhandlungen neidischer Mitmenschen. Dementsprechend ist die Heilung darauf ausgerichtet, den Einfluss der negativen Kräfte zu brechen und das innere Gleichgewicht wieder herzustellen. Dabei spielen Christus und die Heiligen der katholischen Kirche eine zentrale Rolle. In den mit ihrer Anrufung verbundenen Ritualen vermischen sich christliche und Jahrtausende alte heidnische Vorstellungen zu einem neuen Ganzen.
Der Vortrag ist Teil des Rahmenprogramms zur Sonderausstellung "Gesundheit! 7000 Jahre Heilkunst" im Museum für Urgeschichte, Zug. Sie wird am 17. November 2019 eröffnet und dauert bis 17. Mai 2020

Datum: Mittwoch, 18. März 2020, 19.00 Uhr, Museum für Urgeschichte, Zug.

Link zum Museum für Urgeschichte (Sonderausstellung)

Link zum Museum für Urgeschichte (Rahmenprogramm)

 

Cleopatra's Needle. Victoria Embankment, London. Auf Photokarton montiertes Originalbild aus der Zeit um 1880. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


Cleopatra’s Needle, London

Das unheimliche Tor zum Jenseits

Die Entstehung des hart am Themseufer stehende Obelisken fällt in die Zeit des ägyptischen Königs Thutmosis III., der von 1486-1425 v. Chr. lebte. Im Jahre 1819 schenkte ihn Mehmet Ali Pasha, zu dieser Zeit amtierender ottomanischer Gouverneur von Ägypten, dem britischen Empire. Danach schlummerte die Granitnadel während Jahrzehnten im Wüstensand Ägyptens. Erst 1877 fanden sich die Mittel, um das steinerne Monument und mit ihm das Unglück nach England zu verschiffen. Bereits der Transport von Alexandrien nach London forderte das Leben von sechs Seeleuten, als die vom Dampfer „Olga“ geschleppte Barke "Cleopatra" (deren Name später auf die Granitnadel überging, obschon diese mit der ptolemäischen Königin Cleopatra keinen Zusammenhang hat) im Golf von Biskaya in einen schweren Sturm geriet. 1878 wurde der Obelisk am heutigen Platz aufgestellt. Seither wird er mit Ereignissen in Zusammenhang gebracht, die alle mit vorzeitigem Tod und damit nicht erfülltem Leben zu tun haben. Lebensmüde scheinen durch eine von ihm ausgehenden negative Energie magisch angezogen zu werden. Oder dann folgen sie Cleopatra nach, die in einer scheinbar aussichtslosen Situation ebenfalls den Freitod wählte. Nirgendwo entlang der Themse, heisst es jedenfalls, nähmen sich so viele Menschen das Leben wie hier, obschon das Wasser an dieser Stelle nicht besonders tief und bei Ebbe das Ertrinken fast nicht möglich ist. Zudem wäre ein Sprung von der nahe gelegenen Tower Bridge weitaus sicherer, um vom Diesseits ins Jenseits zu gelangen.
Genährt wird der Glaube an das vom Obelisken ausgehende Unheil durch Berichte von Passanten, die ein Stöhnen und Jammern vernommen haben wollen, das von seinem Innern auszugehen schien. Andere erzählen, sie hätten in der Dunkelheit eine aus dem Nebel kommende, schemenhaft nackte Gestalt gesehen, die in die Themse gesprungen sei, ohne dass der Aufprall auf dem Wasser ein Geräusch verursacht hätte. In den 1920er Jahren, wird weiter berichtet, sei ein auf der nahen Waterloo Bridge patrouillierender Polizist von einer hysterischen Frau in viktorianischen Kleidern angesprochen und um Hilfe gebeten worden. Sie berichtete ihm mit hastiger Stimme, jemand wolle sich bei Cleopatra’s Needle das Leben nehmen. Als er keuchend am Fuss der Nadel stand, fand er sich just jener Lady gegenüber, der er zuvor begegnet war. Doch bevor er etwas sagen oder tun konnte, löste sich die altmodisch gekleidete Gestalt im Nichts auf. Dieses Ereignis inspirierte den Autor William Meikle zur Kurzgeschichte „The Curious Affair on the Embankment“, die er im Schreibstil von Arthur Conan Doyle verfasste und 2017 publizierte.

Literatur:
Jones, Richard: Walking Haunted London. 25 original walks exploring London’s Ghostly Past. Northampton 2007, S. 114.
Luckhurst, Roger: The Mummy's Curse. The True History of a Dark Fantasy. Oxford 2012, S. 146-147; 167.
Meikle, William: The Ghost Club. Newly Found Tales of Victorian Terror. Milton Keynes 2017, S. 225-246.

Die um 1840 erbaute Wassermühle am Flüsschen Rogačica. (Bild: Borilsav Jagodic)


Graf Draculas langer Schatten

Sava Savanović – ein serbischer Vampir

Die Ereignisse, von denen hier die Rede ist, spielten in einer kleinen Mühle am Flüsschen Rogačica in der serbischen Gemeinde Zarožje. Aufgezeichnet hat sie 1880 der serbische Schriftsteller, Übersetzer und Journalist Milovan Glišić unter dem Titel Posle devedeset godina (dt. Nach neunzig Jahren). Darin geht es um einen Vampir namens Sava Savanović, der nachts die in der Wassermühle tätigen Müller anfällt und zu Tode würgt. Schliesslich gelingt es den Dorfbewohnern von Zarožje mithilfe eines schwarzen Hengstes das einsame Grab des Vampirs zu lokalisieren und ihn mit einem durch die Brust geschlagenen Pfahl und in den Mund gegossenem Weihwasser zu töten.
Verschiedene Hinweise Glišićs, unter anderem die Erwähnung von damals verbreiteten osmanischen Kleinmünzen wie dem Akçe (mit einem Gewicht von je 0,33 bis etwa 0,5 Gramm; 3 Akçe=1 Para), lassen die Entstehung der Legende in die Zeit vor 1800 vermuten (Serbien war bis 1804 Teil des Osmanischen Reiches). Sava Savanović, sofern es ihn tatsächlich gegeben hat, dürfte folglich um 1700 bis 1710 verstorben sein. Sein Tod fällt in eine Epoche, in der im benachbarten Istrien und im Herzogtum Krain (heute Teil Sloweniens) die ersten Vampire auftraten (u. a. Giure Grando, verstorben 1656, ab 1672 Erscheinung als Untoter und Vernichtung, 1689 ausführliche Beschreibung seines Auftretens und seiner Vernichtung in Johann Weichard Valvasors Die Ehre des Hertzogthums Crain).
Von der ursprünglichen Mühle, in der Sava Savanović über die Bewohner herfiel, stehen nur noch Teile des Steinfundaments. Der schlichte Bau, der heute den Besuchern als „Wirkungsort“ des Vampirs gezeigt wird, ist erst in den 1840er Jahren entstanden, hat also mit der ursprünglichen Legende nichts zu tun. Trotzdem: Als im Herbst 2012 die baufällige Wassermühle von 1840 in sich zusammenstürzte, erlangte Sava Savanović internationale Bekanntheit. Besorgt über die nunmehrige Obdachlosigkeit des Vampirs hingen die Talbewohner auf Empfehlung der Gemeindeverwaltung Kreuze und Knoblauch an die Haustüren. Bei der von den Behörden herausgegebenen und in der Presse verbreiteten Empfehlungen dürfte es sich wohl um eine PR-Aktion handeln, um nach dem Vorbild Rumäniens in Zarožje den Vampir-Tourismus anzukurbeln.

Literatur:
Glišić, Milovan (Autor), Andrew Boylan (Vorwort), James Lyon (Übersetzer): After Ninety Years. 2015. (Serbischer Originaltitel: Posle devedeset godina, publiziert 1880).
Valvasor, Johann Weichard von: Die Ehre des Hertzogthums Crain - Band VI - Von der Istrianer Sprache / Sitten und Gewohnheiten. Laybach und Nürnberg 1689.
Wölfl, Adelheid: Tourismus in Serbien: Ein Vampir namens Sava Savanović, in: Der Standard. Ausgabe vom 1. Mai 2013.

Pendel mit Glas und Pentagramm. Den dazu gehörigen Artikel finden Sie im Magischen Lexikon unter dem Begriff "Viktorianische Séance". (Bild Kurt Lussi)


Neue Einträge im Magischen Lexikon

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Publikation "Mythisches, Magisches, Makabres"

Beitrag von Tele1

Am Mittwoch, 2. Januar 2019, ist in den Nachrichten von Tele1 ein Beitrag zum neu erschienenen Buch "Mythisches, Magisches, Makabres" von Kurt Lussi ausgestrahlt worden. Die von Christoph Lichtin, Historisches Museum Luzern, herausgegebene Publikation erschien in der Edition Voldemeer. Berlin/Boston (De Gruyter, 2019. 258 Seiten, 48 Abbildungen. ISBN 978-3110635706. Fr. 36.-). Sie ist im Buchhandel oder direkt beim Historischen Museum Luzern erhältlich.

Link zum Beitrag von Tele1

Leichenfeier in Lăzarea, einem vorwiegend von ungarischen Szeklern bewohnten Dorf im Osten von Transsylvanien. Im Hintergrund der mit weissen Kreuzen bemalte (noch leere) Sarg, den vielleicht die beiden Männer links im Bild gebracht haben. In der Mitte und rechts Familienangehörige und Klageweiber, die im Auftrag der Angehörigen die traditionellen Klagelieder singen. 1918 datierte Fotografie eines deutschen oder österreichischen Soldaten. (Bis 1918 gehörte Transsylvanien zum Königreich Ungarn und damit zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie.) (Sammlung Kurt Lussi)


Leichenfeier in Lăzarea, Rumänien, 1918

Transsylvanisches Begräbnis

Im gesamten Balkanraum befolgt man bei der Bestattung eines Verstorbenen von der Tradition vorgeschriebene Regeln. Eine besondere Bedeutung hat die Waschung der Leiche. Sie dient nicht nur der Reinigung des Körpers, sondern man bezweckt damit auch die Sündentilgung: Mit Wasser und Seife sollten die am Körper noch anhaftenden Sünden abgewaschen werden. Danach zieht man dem Toten neue Kleider an, damit er auf seiner Wanderschaft ins Jenseits gerüstet ist und in sauberer Aufmachung vor den Allmächtigen treten kann.

Dem Toten gab man bis in die neueste Zeit Dinge mit ins Grab, die seine Wiederkehr als Vampir verhindern sollten. Dazu gehörten Münzen. Mit diesen entlohnte er den Fährmann, der ihn über den Totenfluss setzte, der das Diesseits vom Jenseits trennt. Als Wegzehrung für senen Gang ins Reich der Schatten legte man ihm an einigen Orten Brot, Obst, Käse und Fleisch in den Sarg (Busbeque, Jagodina, 1564), manchmal auch Wein und Schnaps.

Besonders wichtig waren die Klagelieder, die von eigens dafür engagierten Klageweibern gesungen wurden. Diese Frauen achteten streng darauf, dass ihre Trauerbezeugungen nicht ausuferten, denn man glaubte, eine übermässige Trauer würde die Sehnsucht des Toten nach den Lebenden wecken und damit seiner ewigen Ruhe im Wege stehen.

Damit der Tote nicht als unliebsamer Wiedergänger oder Vampir zu den Lebenden zurückkehrt, streut man ihm sicherheitshalber noch heute Mohnsamen in den Sarg. Mit dem Brauch verbindet sich der Glaube, wonach der Verstorbene erst die Samen zählen muss, bevor er als Untoter sein Grab verlassen und zu den Lebenden zurückkehren kann (was ihm vor der Morgendämmerung nie gelingt). Apotropäischen Charakter haben auf dem Bild aus Lăzarea vielleicht auch die auf dem Sarg aufgemalten weissen Kreuze. Sie sollten den Toten wohl am Verlassen des Grabes hindern. Einen möglichen Beleg dafür finden wir in einem aus der Krajina (Serbien) überlieferten Brauch: Um einem allfälligen Vampir den Zutritt zu Haus und Hof zu verwehren, malte man schwarze Pechkreuze auf die Eingangstüren.

Literatur:
Kreuter, Peter Mario: Der Vampirglaube in Südosteuropa: Studien zur Genese, Bedeutung und Funktion – Rumänien und der Balkanraum. Berlin: Weidler, 2001.
Schneeweis, Edmund: Serbokroatische Volkskunde. Berlin: de Gruyter, 1961.

 

Der Voodoo Spirit Baron Samedi als Skelett mit Top Hat und Brille. New Orleans Historic Voodoo Museum. Illustration aus "Mythisches, Magisches, Makabres". (Bild Kurt Lussi)


Neue Publikation

Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister

Der Glaube an Dämonen, Vampire und unruhige Totengeister, die in der unsichtbaren Welt zwischen dem Diesseits und dem Jenseits ihren Aufenthalt haben, bestimmt seit Jahrtausenden die Lebenswirklichkeit des Menschen. Davon zeugen die Riten und Gebräuche mit denen die Lebenden versuchen, die höheren Mächte zu beschwören und Unheil abzuwenden.

Die Existenz einer Bewusstseinsdimension zwischen dem Diesseits und dem Jenseits kann weder belegt, noch bestritten werden. Daraus entsteht Ungewissheit – und mit ihr die Angst des Menschen Gewalten ausgeliefert zu sein, gegen die er machtlos ist.

Über dreissig Jahre hat sich der Autor mit dem Tod und dem, was danach sein wird, auseinandergesetzt und seine Erfahrungen, Überlegungen und Erkenntnisse in zahlreichen Fachartikeln publiziert. Für dieses Buch wurde eine überarbeite und zum Teil erheblich erweiterte Auswahl zu einem neuen Ganzen zusammengefasst.

Inhalt

Mythisches

Das Geisterreich. Zwischen Diesseits und Jenseits
Seeschlangen, Meeresungeheuer. Sichtbar, fassbar, nicht erklärbar
Geister, Teufel, Tod. Ahnenglaube und Maskenlaufen

Magisches

In Ostafrika. Bei den Luo im Siaya County (Kenia)
Rote Erde. Rötel und Ziegelsteinmehl in der Volksmedizin
Louisiana Voodoo Hoodoo. Afrikanische Spirits, Katholizismus, europäischer Volksglaube
Voodoo-Praxis. Ein Reinigungsritual auf dem Saint Louis Cemetery No. 1
Kurantmünzen in der volksmagischen Apotheke

Makabres

An der Schwelle zum Jenseits. Die Reise der Seele
Scheintod und vorzeitige Beerdigung. Die Lady mit dem Ring
Der Vampir von Highgate. Draculas langer Schatten

Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister, hrsg. von Christoph Lichtin, Historisches Museum Luzern. Zürich: Edition Voldemeer. Berlin/Boston: De Gruyter, 2019. 258 Seiten, 48 Abbildungen. ISBN 978-3110635706. Fr. 36.-

 

Fragment einer Buchseite aus einem spätgotischen Ars moriendi. (Sammlung Kurt Lussi)


Neu im Download

Direkter Link zu den Fachartikeln von Kurt Lussi auf Zenodo

Immer häufiger werden wissenschaftliche Fachartikel online publiziert und gespeichert. Einer der bekanntesten Online-Speicherdienste ist Zenodo. Auf Zenodo werden hauptsächlich wissenschaftliche Publikationen, Berichte, Präsentationen und Videos hochgeladen und der Öffentlichkeit unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Finanziert wird der Dienst über die Europäische Kommission (EK).

Zenodo integriert den Repository-Dienst Git-Hub, um dort gespeicherte Quelltexte zitierfähig zu machen. Auch der zenodo-eigene Quelltext ist auf Git-Hub verfügbar. Die Webseite wird durch das OpenAIRE-Konsortium und das CERN betreut und gepflegt (zitiert nach Wikipedia).

Der Name Zenodo kommt von Zenodotos von Ephesos, dem ersten Leiter der großen Bibliothek von Alexandria, in der er den Grundstein für die größte antike Schriftensammlung legte.

Eine Zusammenstellung der auf Zenodo hochgeladenen Artikel von Kurt Lussi finden Sie über diesen Link mit direkter Downloadmöglichkeit.

 

Nächster Anlass:

Mi 18.03.20

Magisch-religiöse Heilrituale