Das Burgfräulein von Strechau. Das Gemälde in der Sammlung des Benediktinerstifts Admont in der Obersteiermark entstand in den Jahren nach 1600. (Postkarte um 1910. Sammlung Kurt Lussi)


Seminar in Mattsee bei Salzburg

Wiedergänger, Nachzehrer, Vampire

Im ganzen Alpenraum ist das Winterhalbjahr die Zeit der ruhelosen Toten. Nach Einbruch der Dunkelheit steigen sie aus ihren Gräbern und kehren in mannigfacher Gestalt zu den Lebenden zurück. Im Osten und Südosten Europas besonders gefürchtet sind die Vampire. Das sind die Untoten, die ihren Opfern das Blut und somit das Leben aussaugen. Um sie unschädlich zu machen öffnet man ihre Gräber, schlägt der Leiche den Kopf ab, treibt einen schweren eisernen Nagel durch den Körper oder reisst das Herz heraus. So steht es jedenfalls in alten Berichten und Chroniken des 17. bis 19. Jahrhunderts. Doch selbst heute werden immer wieder Nachrichten publik, wonach Gräber geöffnet und die Leichen angeblicher Vampire geschändet wurden.

Ablauf:
Am Vormittag besuchen wir den Sebastiansfriedhof in Salzburg. Anhand der Grabsymbolik befassen wir uns mit dem Tod und der Geisterwelt. Der zweite Teil findet in der Seminarpension Sterntaler in Mattsee statt. Hier geht es um die Zusammenhänge von Leylines und Geistererscheinungen am Beispiel des «Vampirs von Highgate». Zum Abschluss gehen wir der Frage nach, weshalb und in welchem Ausmass die Steiermark und das angrenzende ehemalige Herzogtum Crain (heute Slowenien) die Entstehung der englischen Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts beeinflusste.

Hinweise:
Treffpunkt in Salzburg: 10.00 Uhr beim Eingang zum Sebastiansfriedhof. Für Teilnehmer/innen, die in Mattsee übernachten, bestehen Mitfahrgelegenheiten nach Salzburg (Anreise am Vortag empfohlen).

Übernachtung:
Seminarpension Sterntaler in Mattsee, https://www.sterntaler-mattsee.at/home/ (Bitte frühzeitig reservieren. Die Zahl der verfügbaren Zimmer ist beschränkt.)
Weitere Übernachtungsmöglichkeiten in Mattsee und Umgebung.

Datum:
Samstag, 5. Dezember 2020 ab 10:00 Uhr

Kosten:
€ 132.-.  Darin eingeschlossen ist die Führung auf dem Sebastiansfriedhof von Salzburg (Beginn 10:00 Uhr), das Seminar am Nachmittag (Beginn 15:00 Uhr; sowie das Nachtessen in der Seminarpension Sterntaler in Mattsee.

Das Seminar am Nachmittag kann auch ohne Nachtessen und Führung in Salzburg gebucht werden (Preis Anfrage).

Anmeldung:
Einschliesslich Buchung der Unterkunft in der Seminarpension Mattsee über: https://www.sterntaler-mattsee.at/home/)

Literatur:
Lussi, Kurt: Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister, hrsg. von Christoph Lichtin, Historisches Museum Luzern. Zürich: Edition Voldemeer. Berlin/Boston: De Gruyter, 2019. 258 Seiten, 48 Abbildungen. ISBN 978-3110635706. Fr. 36.-.

Portrait des Gerard van Swieten (1700-1772). Mediziner, Reformer und Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia. Als vehementer Verfechter der Aufklärung spielte van Swieten eine zentrale Rolle im Kampf gegen den Glauben an Vampire, von deren Existenz ab 1720 immer wieder Berichte an den kaiserlichen Hof in Wien gelangten. Mezzotinto von Johann Jacob Haid (1704-1767) nach einem Gemälde von Isaak Leupold (1704-1759). (Bild und Sammlung Kurt Lussi)

Vampirglaube in Südosteuropa im18. Jh.

Gerard van Swieten. Mediziner und Kämpfer gegen den Vampirglauben

Gerard van Swieten (1700-1772) war eine der wichtigsten Persönlichkeiten des 18. Jh. im Kampf gegen den Glauben an Vampire, von deren scheinbaren Existenz ab 1720 immer wieder Berichte aus dem damals habsburgischen Südosteuropa nach Wien gelangten.
Die Vorgeschichte: Nach dem Ende des Türkenkrieges von 1718 fielen im Frieden von Passarowitz Teile Nordserbiens und Bosniens, die bis dahin zum Ottomanischen Reich gehört hatten, dem Kaiserreich Österreich zu. Aus diesen Gebieten stammen die ersten Berichte kaiserlicher Feldschere (Truppenärzte). Sie geben uns Kunde von Dörfern im Grenzland zum Ottomanischen Reich, in denen Gräber Verstorbener geöffnet und die Leichname praktisch unverwest und mit Blut verschmierten Mündern aufgefunden wurden. 
Als Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia stand van Swieten bei der Untersuchung der gemeldeten Vampirphänomene an vorderster Front. In der Vorrede zu seiner "Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus" (Augsburg 1768) kommt er in einer Fussnote zum Schluss, "dass der ganze Lärm [um die Vampire] von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunkeln und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke."
Gestützt auf die Gutachten van Swietens und anderer Mediziner dieser Zeit ordnete Kaiserin Maria Theresia in ihrem Erlass vom 1. März 1755 an, "dass dergleichen sündliche Müssbräuche [gemeint sind die Vampire betreffende abergläubische Praktiken] in unseren Staaten künfftighin keineswegs zu gestatten, sondern vielmehr mit denen empfindlichsten Straffen" zu belegen seien.
Literarisches Nachspiel: Gerard van Swieten gilt als Vorbild für den Vampirjäger van Helsing in Bram Stokers Roman "Dracula". Im Gegensatz zu van Swieten tritt van Helsing jedoch nicht gegen den Aberglauben auf, sondern er fördert ihn indirekt, indem er in seinem Kampf gegen den Grafen Dracula magische Mittel verwendet, wie sie in Südosteuropa bis heute gebräuchlich sind. Siehe unten: "Der Glaube an Verstorbene, die als Vampire zurückkehren, ist auf dem Balkan noch immer lebendig".

Literatur:
Hamberger, Klaus: Mortuus non mordet: kommentierte Dokumentation zum Vampirismus 1689-1791. Wien 1992.

Links: einbandagierte Mumie einer etwa 35 bis 40 Jahre alten Frau, möglicherweise einer Priesterin aus Deir el-Bahri, Theben (Postkarte um 1910). Rechts die "Egyptian Hall" im Britischen Museum London um 1900. (Sammlung Kurt Lussi)

Der Fluch der Pharaos

Die "Egyptian Hall" des Britischen Museums: spukhaftester Ort Londons

In keinem anderen Gebäude Londons spukt es mehr, als im Britischen Museum. Aufseher, die nachts durch die verlassenen Räume patrouillieren, berichten von plötzlich zuschlagenden Türen, mysteriösen Schritten und gequälten Schreien. Als besonders verrufen gilt die "Egyptian Hall". Phil Heary, der 29 Jahre lang im Museum als Wachmann tätig war, erinnert sich an die eisige Kälte, die ihn manchmal beim Eintreten  umfing. «Sie drehte mir fast den Magen um», erzählte er Noah Angell, der während mehreren Jahren die Phänomene erforschte und die Ergebnisse in einem Buch festhielt. «Und dann hatte ich nur den Wunsch, diesen Raum so schnell wie möglich zu verlassen.»
Das Unheimliche dieses Raumes hängt mit den hier ausgestellten Artefakten zusammen. Die meisten sind in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg von Abenteurern, Archäologen und Liebhabern des Makabren aus altägyptischen Gräbern geraubt und nach England gebracht worden. Suchten unerklärliche Todesfälle, finanzielle Verluste oder anderes Unglück die Besitzer oder ihre Familien heim, führte man dies auf Verfluchungen zurück von denen man glaubte, sie gingen von diesen Dingen aus. Um weiteres Unglück abzuwenden, überliess man sie dem Britischen Museum in der Hoffnung, damit auch das von ihnen ausgehende Böse loszuwerden.
Unter den Altertümern, die auf diese Weise ins Museum kamen, befinden sich zahlreiche Mumien. Eine der bekanntesten ist jene einer Amun-Priesterin aus Deir el-Bahri, Theben (siehe Abbildung), die 1909 von der Baroness Amherst dem Museum geschenkt worden war (Inv. Nr. EA48971; Standplatz G63/dc8). Im gleichen Raum befindet sich auch der unter dem Namen «Unlucky Mummy» bekannt gewordene Sarkophagdeckel, auf dem eine hochgestellte weibliche Person dargestellt ist. Auf dieses vielleicht ebenfalls aus Theben stammende Relikt werden zahlreiche Unglücks- und Todesfälle, insbesondere auch der Untergang der RMS Titanic und der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zurückgeführt. Der Sarkophagdeckel trägt die Inv. Nr. EA22542. Er befindet sich im Raum G62, Vitrine dc21. Ins Britische Museum kam er 1889 (Beitrag siehe unten).

Literatur:
Luckhurst, Roger: The Mummy's Curse: The true history of a dark fantasy. Oxford 2012.
Angell, Noah; Gooding, Francis: Ghost Stories of the British Museum. London 2018.


Oben: die “Unlucky Mummy” in der ägyptischen Abteilung des Britischen Museums (Standort G62/dc21). (Bild: Kurt Lussi) Unten: die Titanic inmitten von Eisbergen. 1912 zur Erinnerung an den Untergang gedruckte Postkarte. (Sammlung Kurt Lussi)


Die "Unlucky Mummy" im Britischen Museum London

Brachte der Fluch einer Mumie die Titanic zum Sinken?

Das wohl mysteriöseste Objekt Im ägyptischen Raum des Britischen Museums in London ist die "Unlucky Mummy", die Unglück bringende Mumie mit der  Inventarnummer EA22542. Von diesem Gegenstand, der 1889 dem Museum geschenkt wurde, soll ein Fluch ausgehen: Der Überlieferung nach sollen von den vier Männern die ihn in den 1860er oder 1870er Jahren nach England brachten, zwei plötzlich verstorben sein. Einem musste ein Arm amputiert werden und der vierte, der Käufer, ging kurz nach seiner Rückkehr Bankrott. Schliesslich übergab Arthur F. Wheeler, der letzte Besitzer, die "Unlucky Mummy" dem Britischen Museum. Dieses soll das altägyptische Artefakt einem amerikanischen Millionär verkauft haben der es mit auf die Titanic nahm. Prompt sank das Schiff in den frühen Morgenstunden des 15. April 1912. Irgendwie wurde die "Unlucky Mummy"gerettet und zurück ins Britische Museum gebracht.
Soweit die wichtigsten Legenden, die sich mit diesem Gegenstand verknüpfen.
Weniger spektakulär sind die Fakten. Zum einen ist der Name "Unlucky Mummy" irreführend. Es handelt sich hierbei nämlich nicht um eine Mumie, sondern um einen Sarkophagdeckel auf dem eine vornehme Frau in den Bandagen einer Mumie dargestellt ist. Aufgrund der Art der Malerei datiert ihn das Britische Museum in die Zeit um 950 v. Chr. (21. Dynastie). Nicht belegbar ist die verbreitete Meinung wonach dieses Artefakt einst zum Sarkophag einer thebäischen Amun-Priesterin gehörte. Unklar ist auch, ob es wirklich aus der Tempelstadt Theben stammt. Der aufgemalte Name des Pharaos Amenhotep I lässt dies jedoch vermuten, denn zusammen mit seiner Mutter wurde er in Theben als lokale Schutzgottheit und König der Toten verehrt. Nachgewiesen ist hingegen, dass der Sarkophagdeckel nicht auf der Titanic war. Zum Zeitpunkt des Untergangs befand er sich im Britischen Museum.
Doch wie immer bei rationalen Erklärungen: Es bleibt ein Rest Ungewissheit. Haben Flüche des alten Ägypten vielleicht eine magische Kraft, die uns verborgen ist? Und wenn ja, kann ein Fluch auch ohne physische Präsenz des Objektes, von dem er ausgeht, wirksam werden? Gemäss W. T. Stead, dem viktorianischen Starjournalisten seiner Zeit, soll der Fluch nicht nur jenen Verderben oder den Tod bringen, welche im Besitz des Sarkophagdeckels sind oder sich in seiner Nähe befinden. Im Gegenteil, auch wer bloss von der "Unlucky Mummy" spreche oder über sie schreibe, soll – wie der Journalist und Autor Bertram Fletcher Robinson (1870-1907) – der Rache der Amun-Priesterin verfallen sein. Störend dabei ist, dass der überzeugte Okkultist Stead offenbar überzeugt war, er sei von diesem Fluch ausgenommen. Dennam späten Abend des 14. April 1912 gab er nämlich auf der Titanic einer Herrenrunde die eingangs dargelegten Legenden zum Besten. Nur Minuten, nachdem er geendet hatte, rammte der Ozeandampfer einen gewaltigen Eisberg. Dabei wurden die steuerbordseitigen Stahlplatten eingedrückt, worauf das Schiff binnen weniger Stunden sank. Von den Herren dieser Runde überlebte keiner. Dass Stead die Geschichte kurz vor dem Untergang erzählte wissen wir von einem Überlebenden, der die Story mitbekam und sie der New Yorker Zeitung "The World" zutrug. Sie wurde später auch von anderen Zeitungen wie zum Beispiel der "Washington Post" aufgegriffen.
Vielleicht liegt hier der Ursprung der Legende wonach der Fluch der "Unlucky Mummy" das Schicksal der Titanic besiegelte. Es ist gut möglich, dass sich der betreffende Passagier wichtig machen wollte indem er einige zufällig aufgeschnappte Wortfetzen mit dem ergänzte, was zuvor schon in vielen Zeitungsartikeln zu lesen war (siehe den unten zitierten Zeitungsartikel. "A Priestess of Death").

Literatur:
Luckhurst, Roger: The Mummy's Curse: The true history of a dark fantasy. Oxford 2012.
Mowbray, Jay Henry: Sinking of The “Titanic”. Thrilling Stories Told by Survivors. Harrisburg (PA) 1912.

Zeitungen (Auswahl):
A Priestess of Death. Weird Story of an Egyptian Coffin, in: “Manawatu Standard”. Ausgabe vom 30. Juli 1904.
Ghost of the Titanic: Vengeance of Hoodoo Mummy Followed Man Who Wrote Its History, in: “The Washington Post”. Ausgabe vom 12. Mai 1912.
Titanic Sinks, 1500 Die, in: “The Boston Daily Globe”. Ausgabe vom 16. April 1912.

Oben: Mit Stroh gedeckte Cottages in Devon, um 1880. Unten: Bei der Erneuerung eines Cottage unter den alten Bodenbrettern gefundenes Ziegenhorn, das gemäss einer beigefügten Notiz ins 17. Jh. datiert wird. (Bilder und Sammlung Kurt Lussi)


Ein seltsamer Fund aus dem 17. Jahrhundert

Ein Bockshorn wider Hexenwerk und Schadenzauber

Im Jahre 1928 fand man bei der Erneuerung eines Cottage in der Grafschaft Devon (Südwestengland) unter den Jahrhunderte alten Bodenbrettern ein Ziegenhorn. Obschon Ziegenböcke im gesamten europäischen Kulturraum mit Hexen und dem Teufel in Verbindung gebracht werden, gelten ihre Hörner als besonders wirksame Schutzmittel gegen böse Mächte und dämonische Einflüsse. Dies hängt mit dem Glauben zusammen wonach die gewaltige Kraft des Ziegenbocks selbst dann noch in seinen Hörnern innewohnt, wenn sie vom Tier abgetrennt sind. In der Grafschaft Devon, in der sich bis in die Gegenwart viele magische Praktiken und Vorstellungen von Feen, Hexen und Naturgeistern erhalten haben, schreibt man Ziegenhörnern die Eigenschaft zu, magische Angriffe abwehren oder unter Hexen Zwietracht säen zu können. Vielleicht wurde das ins 17. Jahrhundert datierte Ziegenhorn unter den Bodenbrettern verborgen, um sich gegen das Wirken der angeblichen Hexen von Bideford in Devon zu schützen, denen schliesslich 1682 der Prozess gemacht wurde. Die damals verurteilten Frauen gehören nach dem heutigen Wissensstand zu den letzten Hexen, die in England gehängt wurden.

Literatur:
Bradbury & Evans: Witchcraft in Devon, in: Once a Week. Illustrated Miscellany of Literature, Art, Science & Popular Information, Vol. I, Third Series. London 1868, S. 61-64.
Brown, Theo: Devon Ghosts. Norwich 1982.

Oben: Ein Verstorbener wird mit den Füssen voran aus dem Haus getragen, damit er nicht als Untoter zurückkehrt. Rumänien um 1910. Unten: Ein Klappmesser, zwei Handsicheln und ein grosser Eisennagel aus Bulgarien (von oben). Der Gebrauch von Eisennägeln anstelle von Pfählen zur Bannung von Vampiren und anderen Untoten ist mehrfach belegt, u. a. durch einen Bericht des Grafen Cabrera (1730) sowie durch neuere archäologische Funde in Bulgarien, Polen und England. Für das Herausreissen der Herzen finden sich ebenfalls Quellen, welche die alte Sitte belegen (u. a. Bericht des Botanikers Joseph Pitton de Tourneforts 1718).(Bilder und Sammlung Kurt Lussi)


Ein Fall von Vampirismus in Rumänien

Der Glaube an Verstorbene, die als Vampire zurückkehren, ist auf dem Balkan noch immer lebendig

Am 26. Dezember 2003 verstarb im rumänischen Dorf Marotinu de Sus der 76 Jahre alte Toma Petre an den Folgen eines Unfalls. Sechs Wochen später klagte Mirela Marinescu, eine Nichte des Verstorbenen, sie werde von einem Moroi, einem Vampir, geplagt. Dieser sauge ihr das Blut aus und wolle sie töten. Für die Familie war klar, dass nur Toma Petre dieser Moroi sein könne. Um die junge Frau zu retten, begaben sich unter Leitung von Gheorghe Marinescu sechs Männer der Familie auf den Dorffriedhof, öffneten das Grab und nahmen den Leichnam heraus. Dieser wies die seit Jahrhunderten bekannten Anzeichen eines Untoten auf: Das Gesicht war rot, der Bart im Grab weiter gewachsen und aus der linken Mundecke floss frisches Blut. Als die Turmuhr Mitternacht schlug, öffnete Gheorghe Marinescu den Brustkorb des Toten und riss ihm mithilfe einer Sichel das Herz heraus. Anschliessend bestreuten die Männer den Leichnam mit Knoblauch, trieben einen Pfahl durch den Körper und legten ihn sorgsam ins Grab zurück. Danach entfachten sie an einem Kreuzweg ein Feuer und rösteten das auf einen Spiess gesteckte Herz. Zurück im Haus des Mädchens verbrannten sie das angesengte Herz vollends zu Asche und gaben diese vermischt mit Wasser der Kranken zu trinken. Bereits am anderen Morgen zeigte die junge Frau deutliche Anzeichen der Besserung. Innert kürzester Zeit war sie vollständig genesen.
Bekannt wurde dieser Fall lediglich deshalb, weil der Witwe des Toten aufgefallen war, dass sich offenbar jemand am Grab ihres Gatten zu schaffen gemacht hatte. Auf dem Gerichtsweg setzte sie die Exhumierung ihres Gatten durch. Das fehlende Herz führte zur Anklage und Verurteilung der sechs Männer wegen Grab- und Leichenschändung.

Literatur:
Beresford, Matthew: The Dangerous Dead: The Early Medieval deviant burial at Southwell, Nottinghamshire in a wider context. MBArchaelogy Local Heritage Series. Number 3, Oktober 2012.
Hamberger, Klaus: Mortuus non mordet: kommentierte Dokumentation zum Vampirismus 1689-1791. Wien 1992.

 

Blick von der Coventry Street zum Piccadilly Circus, wo am 16. April 1922 drei Männer von einem angeblichen Vampir attackiert worden waren. (Postkarte um 1920, Sammlung Kurt Lussi)


Unerklärbare Attacken im Herzen Londons

Der Coventry Street Vampir

Die Coventry Street. Auf den ersten Blick hinterlässt dieses belebte Strassenstück nicht den Eindruck eines Ortes, an dem paranormale Aktivitäten auftreten. Und doch sind genau hier, wo die Coventry Street in den Piccadilly Circus einmündet, drei Männer am gleichen Tag Opfer einer Attacke geworden, für die man bis heute keine Erklärung hat: Am 16. April 1922 wurde ein Angestellter um sechs Uhr morgens von einem unbekannten Etwas zu Boden geworfen, worauf er das Bewusstsein verlor. Als er wieder erwachte, befand er sich im Charing Cross Hospital. Dort erklärten ihm die Ärzte, er sei zweimal von jemandem mit einem Röhrchen in den Hals gestochen worden, welches die Grösse einer Injektionsnadel gehabt habe. Der Mann beharrte jedoch darauf, dass er von einem formlosen schattenhaften Wesen zu Boden geworfen worden sei. Dieses habe ihn aus dem Schatten heraus angegriffen, ihn in den Hals gebissen und ihm Blut ausgesaugt, worauf er das Bewusstsein verloren habe. Wie zur Bestätigung seiner Aussage wurden im Laufe des Tages noch zwei weitere Männer eingeliefert, die am selben Ort auf die gleiche Weise attackiert worden waren.
Soweit die Fakten. Und nun zu den Geschichten. Die eine besagt, dass die Polizei, die erfolglos nach dem Täter fahndete, schliesslich einen Exorzisten engagiert hätte. Diesem sei es gelungen, das wie ein Vampir agierende Wesen zu stellen und mit einem durchs Herz getriebenen Pfahl zu töten. Eine andere Version bringt die Vorfälle in der Coventry Street mit einem Ereignis in der Vollmondnacht vom 12. April 1922 in Zusammenhang. In dieser Nacht wurde auf dem Friedhof der Kirche von St. Martin in Dayton im Westen Londons von verschiedenen Personen eine gigantische schwarze Kreatur gesehen, deren Flügel eine Spannweite von sechs Fuss (rund 180 cm) gehabt hätten. Das Monster sei die ganze Nacht über um die Grabsteine geflogen und habe kreischende Geräusche von sich gegeben, die weitherum zu hören gewesen seien. Nach dieser Nacht wurde das Monster nie mehr gesehen und auch in der Coventry Street waren keine weiteren Vampirattacken mehr zu verzeichnen.

Literatur:
Newcourt, Richard: Repertorium Ecclesiasticum Parochiale Londinense: An Ecclesiastical Parochial History of the Diocese of London. Containing an Account (…). London 1708.
Leyland, Simon: A Curious Guide to London. Tales of a City. London 2014.


Oben: Ausdruckstanz junger Frauen nach der Schule von Rudolf von Laban. Das Bild entstand um 1930 im Umkreis des Fotografen Gerhard Riebicke. Unten: Ausdruckstanz auf dem Monte Verità. (Sammlung Kurt Lussi)


Monte Verità, Ascona, Tessin

Wo die Seele den Himmel berührt

Im frühen 20. Jahrhundert zog der Monte Verità oberhalb von Ascona im Kanton Tessin Vegetarier, Nudisten, Aussteiger, Wahrheitssuchende, Künstler, Okkultisten und Esoteriker aus der ganzen Welt an. Der Hügel liegt genau auf der geologischen Spalte, die Afrika von Europa trennt. Er gilt daher als idealer Kraftort um zu meditieren, zu neuen Lebensformen zu finden oder magische bzw. okkulte Rituale durchzuführen. Kein Wunder, dass der Sexualmagier, Theosoph und Freimaurer Theodor Reuss (Ordensname "Merlin Peregrinus") ausgerechnet auf dem Monte Verità eine "Anationale Großloge und Mystischen Tempel" des O.T.O. (Ordo Templis Orientis) stiftete und zugleich eine überarbeitete Version der "Constitution of the Ancient Order of Oriental Templars" publizierte.
Eine weitere bekannte Gestalt war der Tänzer und Choreograph Rudolf von Laban (1879-1958), der Begründer des modernen Ausdruckstanzes. Von 1913 bis 1917 bot er auf dem Monte Verità jeweils von April bis Oktober Tanzkurse an. Ziel der von ihm entwickelten Form des Tanzens war der Aufbau einer Verbindung zwischen dem Innersten des Menschen und dem Tanz. Getanzt wurde fast ausschliesslich an der frischen Luft, manchmal leicht bekleidet, meistens jedoch nackt. Für letzteres prägten die Einheimischen schon früh den Begriff "ballabüit", der sich aus den Wörtern "ballare" (tanzen) und "büit" (unbekleidet) zusammensetzt.

Literatur:
Vermeer, Ruud: Aleister Crowley. Eine illustrierte Biographie des bekanntesten und umstrittendsten Magiers des 20. Jahrhunderts. Amsterdam 2004, S. 51-58 (Kapitel O.T.O und Sexualmagie)
Von Laban, Rudolf: Gymnastik und Tanz. 9. Auflage. Oldenburg 1926.
Voswinckel, Ulrike: Freie Liebe und Anarchie: Schwabing - Monte Verità. Entwürfe gegen das etablierte Leben. München 2009 (edition monacensia).

 

Amen Court. Die heutigen Gebäulichkeiten stammen aus dem 17. Jh. Die Mauer im Hintergrund geht auf die römische Zeit zurück. (Bild Kurt Lussi)


Mord im Kerker und späte Rache

Amen Court und der schwarze Hund von Newgate

Amen Court. Der Name geht zurück auf die Zeit, als an diesem Ort die Häuser der Domherren der nahen Kathedrale St. Paul standen. Hier endete bis zur Reformation die Fronleichnamsprozession mit einem “Amen”. Daher der Name. Die durch den Torbogen zu sehende Mauer im Hintergrund begrenzt den Innenhof gegen das daran anschliessende ehemalige Gefängnis von Newgate. Mit ihm verknüpft sich die Sage vom schwarzen Geisterhund von Newgate. Es wird erzählt, man habe ihn immer nur kurz vor der Hinrichtung eines zum Tode Verurteilten sehen können. Als lautloser schwarzer Schatten oder schemenhaft wahrnehmbarer schwarzer Hund mit offenem Rachen habe er sich oben auf der Mauerkrone oder dann entlang der Wand zur Richtstätte hin bewegt.
Erstmals publiziert wurde die Geschichte im Jahre 1596 im Verlag von G. Simson und W. White unter dem Titel The blacke dogge of Newgate both pithie and profitable for all readers. Gemäss diesen Aufzeichnungen geht die Entstehung des Phänomens auf die Hungersnot zur Zeit der Regierung von Henry III. (1207-1272) zurück. Damals sei ein Hexer und Magier in Haft gekommen, dem Verbindungen zum Teufel nachgesagt wurden. Im Gefängnis, heisst es, sei die Not so gross geworden, dass die Insassen dem Kannibalismus verfallen seien und den Hexer schon bald nach seiner Inhaftierung getötet und verspeist hätten. Kurz nach dem Verbrechen suchte er in Gestalt eines schwarzen Hundes jene Insassen heim, die ihn gemordet hatten. Nacht für Nacht erschien das Geistertier in den dunklen Gängen und frass seine Mörder auf. Einen nach dem andern. Nur dem letzten Überlebenden gelang es, halb wahnsinnig vor Angst, aus dem Kerker zu entkommen und sich so vor der Rache des Hexers zu retten.

Literatur:
Clark, James: Haunted London. Stroud, Gloucestershire 2007, S. 86-87.


Oben: Das zwischen 1620 und 1642 erbaute "Witch House" in Salem, Massachusetts, um 1910. Unten: der puritanische Prediger Cotton Mather und ein auf den 15.9.1692 datiertes Dokument, das zur Verurteilung der angeblichen Salem-Hexe Margret Scott führte.


Relikte der Hexenprozesse von 1692 in Salem, Massachusetts, USA

Das Hexenhaus von Salem

Das Hexenhaus von Salem im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts war das Heim des Politikers, Kaufmanns und späteren Hexenrichters Jonathan Corwin (1640-1718). Es ist das letzte noch stehende Gebäude von Salem, das einen direkten Zusammenhang mit den Hexenprozessen von 1692 hat, in dessen Verlauf 19 Personen gehängt wurden. Ein weiterer Angeklagter, der 81 Jahre alte Giles Coray, starb unter der Folter.
Ausgelöst wurde der Hexenwahn durch zuerst zwei, dann drei und schliesslich acht junge Mädchen, die im harten Winter 1691/1692 plötzlich hysterische Anfälle bekamen, auf dem Boden herumkrochen und seltsame Worte stammelten. In der streng puritanischen Gemeinschaft, deren Leben von ebenso wortgewaltigen wie fanatischen Laienpredigern diktiert wurde, konnte dies nur das Werk von Hexen sein, die sich dem Teufel verschworen hatten. Unter dem Druck der Prediger und der Eltern bezichtigten die Mädchen schliesslich verschiedene Einwohner der Hexerei.
Puritaner wie Samuel Parris (1653-1720) und der Prediger Cotton Mather (1663-1728), die in den Hexenprozessen von Salem treibende Kräfte waren, hegten die Überzeugung, sie und ihre Getreuen würden zu den von Gott Auserwählten gehören, während alle anderen Menschen, egal welcher Religion und Rasse, im Jüngsten Gericht der ewigen Verdamnis anheimfallen würden.
Sich auf die Bibel berufende, den nahen Weltuntergang prophezeienden und Rettung versprechende christlich-fundamentalistische Fanatiker gibt es auch im 21. Jahrhundert. Obschon die alle paar Jahre von ihnen verkündeten Weltuntergänge weder eingetroffen sind noch eintreffen werden, haben sie erstaunlichen Zulauf verunsicherter Menschen. Fazit: Die Wahnvorstellungen der evangelikalen Prediger von 1692 sind nicht Geschichte. Sie haben bloss neue Formen und Dimensionen angenommen. Die selbst ernannten Laienprediger sind heute in international agierenden Sekten organisiert, die mit dem Schüren von Angst, Hass, drohendem Weltuntergang und Jüngstem Gericht den Gutgläubigen und Einfältigen dieser Welt in grossem Stil das Geld aus den Taschen ziehen.
PS: Nach dem Ende der Prozesse von 1692 und der Freilassung der letzten Inhaftierten gaben die acht Mädchen zu, die hysterischen Anfälle bloss gespielt zu haben um sich etwas Abwechslung zu verschaffen.

Link:

Der falsche Prophet. Weltuntergang von 2011

Mephistopheles und Dr. Faust im Studierzimmer. Postkarte aus dem zaristischen Russland, um 1910. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


Seminar und Fasskeller-Zeremonie im Auerbachs Keller, Leipzig

Hexenwerk und magischer Schutz

«Gesteh ich’s nur! dass ich hinausspaziere verbietet mir ein kleines Hindernis. Der Drudenfuss auf Eurer Schwelle», heisst es in Goethes «Faust. Der Tragödie erster Teil». Anders, als in der Dichtung ist im katholischen Alpenraum die Verwendung des Pentagramms nicht Fiktion, sondern Wirklichkeit. Als magisches Schutz- und Zauberzeichen finden wir es an Scheunenwänden, in Schlafkammern und auf Gegenständen, allein oder zusammen mit Geisterbannzeichen, christlichen Schutzsymbolen und magischen Gebeten, die unter Türschwellen verborgen oder an Wände geheftet werden. In diesem Seminar befassen wir uns jedoch nicht nur mit den magischen Zeichen und ihrer Anwendung im bäuerlichen Alltag, sondern auch mit den zum Teil heute noch gebräuchlichen Bann- und Zaubersprüchen, magischen Ritualen und kirchlichen Exorzismen. Alle diese Dinge haben den Zweck, die dunklen Mächte von Haus und Hof fernzuhalten, sie zu bannen und im Bedarfsfall wieder zu vertreiben.
Das Seminar findet im historischen Auerbachs Keller in Leipzig statt und knüpft inhaltlich an Goethes Faust I an. Auerbachs Keller ist die bekannteste und zweitälteste Gaststätte Leipzigs, die schon im 16. Jahrhundert zu den beliebtesten Weinlokalen der Stadt gehörte. Seine weltweite Bekanntheit verdankt der Ort der Verbindung mit Johann Wolfgang von Goethe, in dessen «Faust. Der Tragödie erster Teil» eine Szene im Auerbachs Keller spielt.

Datum:
Der Anlass wurde auf September 2021 verschoben.

Ort:
Auerbachs Keller Leipzig
Grimmaische Strasse
Mädler Passage 2-4
D-04109 Leipzig
Link zur Webseite der Gaststätte.

Ablauf:
14.00 – ca. 16.30       Seminar
17.00 – ca. 18.00       Fasskeller-Zeremonie im Auerbachs Keller
ab etwa 18.30            Nachtessen im Auerbachs Keller mit sächsischen Spezialitäten

Preise:
Seminar:                     € 93.-

Im Seminarpreis ist die Teilnahme an der Fasskeller-Zeremonie bereits enthalten. Nicht enthalten sind, falls gewünscht, die Kosten für den Begrüssungscocktail «Mephisto Feuer» (€ 5.90 pro Person) sowie jene für die Verjüngungszeremonie samt Verjüngungstrunk (€ 4.90 pro Person).  

Nachtessen:
Nicht inbegriffen. Teilnahme fakultativ

Anmeldung:
Anmeldung ausschliesslich über:

Marcel Hochberger
Phone: 0049 / 0176 / 4078 2884
Mail:ophioukos@gmx.de

Die Teilnehmerzahl ist beschränkt. Für Kinder nicht geeignet.

 

Ein «Patent Iron Coffin» in der Krypta von St. Mary le Bow, Fleet Street, London. (Bild Kurt Lussi)


Und bewahre uns vor Leichenräubern...

Der patentierte Sicherheitssarg in der Krypta von St. Mary le Bow, London

Bis zum Erlass des Anatomy Act von 1832 (2 & 3 Will. IV c.75) wurde in England und Wales die Leiche eines Hingerichteten nur zur Obduktion freigegeben, wenn dies im Todesurteil ausdrücklich vorgesehen war. Dies war für medizinische Hochschulen und Forschungseinrichtungen bis dahin die einzige Möglichkeit, legal an Leichen zu kommen. Gedeckt wurde die Lücke durch Bodysnatchers oder Resurrectionists, die Leichen aus Aufbahrungshallen und frisch angelegten Gräbern entwendeten und sie anatomischen Instituten, Chirurgen und Hochschuldozenten verkauften. Um die sterblichen Überreste eines lieben Angehörigen vor diesem Schicksal zu bewahren, hatten Bestattungsunternehmer wie W. Meredith in der Goswell Street und G. & J. Offor, Postern Row, Tower Hill (heute A 100) einen eisernen Sicherheitssarg im Angebot. War er einmal geschlossen, liess er sich dank eines ausgeklügelten Mechanismus nicht mehr öffnen. Der Preis richtete sich nach dem Gewicht. Das grösste Modell hatte eine Länge von 6 feet und kostete 5 £ 10 s.
Das Anatomiegesetz von 1832 erlaubte den Wissenschaftlern neu auch von Anverwandten nicht beanspruchte Leichen zu sezieren (was bis anhin nicht gestattet war). Im Gegenzug verlangte das Gesetz die Ernennung von Inspektoren. Sie hatten darüber zu wachen, dass in den Instituten keine Leichen mehr illegal seziert wurden. Diese Massnahmen konnten den Schwarzhandel mit Leichen zwar nicht gänzlich unterbinden, erschwerten ihn jedoch in einem Masse, welches die Leichenräuberei zu einem schwierigen und kaum noch lukrativen Geschäft machte. In der Folge ging die Herstellung von Sicherheitssärgen mangels Nachfrage ständig zurück und kam nach der Mitte des 19. Jahrhunderts schliesslich ganz zum Erliegen.

Siehe auch den Beitrag im Magischen Lexikon (Link)

Literatur:
Bell, Neil R. A; Trevor N. Bond; Kate Clarke und M. W. Oldridge: The A-Z to Victorian Crime. Gloucestershire 2016.
Leyland, Simon: A Curious Guide to London. Tales of a City. London 2014, S. 184-185.

Die Waterloo Bridge vom Südufer der Themse aus gesehen. Die Cleopatra’s Needle befindet sich links vom nördlichen Brückenende (auf dieser Aufnahme nicht zu sehen). Postkarte um 1890. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


Waterloo Bridge, London

Morde, Suizide und ein kopfloser Geist

Auf keiner anderen Brücke Londons spuken so viele Geistwesen, wie auf der Waterloo Bridge. Und von keiner anderen springen so viele Menschen in den Tod, wie von dieser. In den späten 1890er Jahren war dies nach Elliott O’Donnell (1872-1965) fast nächtlich der Fall.
Das Ungute, das der Waterloo Bridge anhaftet, scheint auf einen mysteriösen Fund zurückzugehen. Am Freitag, dem 9. Oktober 1857,entdeckten zwei Flussschiffer auf dem Vorsprung eines Brückenpfeilers einen grossen Seemannssack, in dem sich Teile einer männlichen Leiche befanden. Kopf, Hände und Füsse fehlten. Ein von Messereinstichen durchlöcherter Mantel wies darauf hin, dass der Tote wohl dem oberen Mittelstand zuzuordnen sei.
Die Herkunft des Mannes und die Identität seines Mörders bleiben bis heute im Dunkeln. Doch seither wird öfters die Gestalt eines vornehm gekleideten Gentlemans gesehen, der in seiner Westentasche eine goldene Uhr trägt. Ein Stadtstreicher, der sie ihm einst heimlich entwenden wollte, griff zu seinem Entsetzen ins Leere. Andere sahen die spukhafte Gestalt, wie sie als kopfloses Wesen über die Brücke geisterte. Hier traf in den 1920er Jahren auch ein patrouillierender Polizeibeamter auf jene geheimnisvolle, viktorianisch gekleidete Frau, die ihn zur Cleopatra’s Needle führte, wo sie sich im Nichts auflöste (siehe Beitrag unten).
Bekannt wurde die Waterloo Bridge zudem durch den Umstand, wonach sich hier Geheimdienste und kriminelle Banden unliebsamer Personen entledigten. Am 7. September 1978 erhielt der bulgarische Dissident Georgi Markov, als er auf der Brücke auf den Bus wartete, mit der Spitze eines Regenschirms – scheinbar unabsichtlich – einen Stich ins Bein. Vier Tage später war er tot. Die Obduktion ergab, dass die Spitze des Regenschirms offenbar einen verborgenen Mechanismus hatte, mit dem ein tödliches Gift injiziert werden konnte. Bei diesem handelte es sich um Ricin, ein äusserst giftiges und in kleinsten Mengen tödlich wirkendes Protein, das aus den Samen des Wunderbaums (Ricinus communis) gewonnen wird.

Literatur:
Clark, James: Haunted London. Stroud, Gloucestershire 2007, S. 65-68.
O'Donnell, Elliott: Ghosts of London. New York 1933.
O'Donnell, Elliott: Great Thames Mysteries. London 1930.

Cleopatra's Needle. Victoria Embankment, London. Originalbild aus der Zeit um 1880. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


Cleopatra’s Needle, London

Das unheimliche Tor zum Jenseits

Die Entstehung des hart am Themseufer stehenden Obelisken fällt in die Zeit des ägyptischen Königs Thutmosis III., der von 1486-1425 v. Chr. lebte. Im Jahre 1819 schenkte Muḥammad ‘Alī Bāshā, zu dieser Zeit amtierender ottomanischer Gouverneur von Ägypten, die Granitnadel dem britischen Empire. Danach schlummerte sie während Jahrzehnten im Wüstensand Ägyptens. Erst 1877 fanden sich die Mittel, um das steinerne Monument nach England zu verschiffen. Damit begann das Unheil. Bereits der Transport von Alexandrien nach London forderte das Leben von sechs Seeleuten, als die vom Dampfer „Olga“ geschleppte Barke "Cleopatra" (deren Name später auf die Granitnadel überging, obschon diese mit der ptolemäischen Königin Cleopatra keinen Zusammenhang hat) im Golf von Biskaya in einen schweren Sturm geriet.
1878 wurde der Obelisk am heutigen Platz aufgestellt. Seither wird er mit Ereignissen in Zusammenhang gebracht, die wie bei den sechs Seeleuten mit vorzeitigem Tod und damit nicht erfülltem Leben zu tun haben. Lebensmüde scheinen durch eine von ihm ausgehende negative Energie magisch angezogen zu werden. Oder dann folgen sie Cleopatra nach, die in einer scheinbar aussichtslosen Situation ebenfalls in den Freitod ging. Nirgendwo entlang der Themse, heisst es jedenfalls, nähmen sich so viele Menschen das Leben wie hier, obschon das Wasser an dieser Stelle nicht besonders tief und bei Ebbe das Ertrinken fast nicht möglich ist. Zudem wäre ein Sprung von der nahe gelegenen Tower Bridge oder der Waterloo Bridge (siehe oben) weitaus sicherer, um vom Diesseits ins Jenseits zu gelangen.
Genährt wird der Glaube an das vom Obelisken ausgehende Unheil durch Berichte von Passanten, die ein Stöhnen und Jammern vernommen haben wollen, das von seinem Innern auszugehen schien. Andere erzählen, sie hätten in der Dunkelheit eine aus dem Nebel kommende, schemenhaft nackte Gestalt gesehen, die in die Themse gesprungen sei, ohne dass man den Aufprall auf dem Wasser habe hören können. In den 1920er Jahren, wird weiter berichtet, sei ein auf der nahen Waterloo Bridge patrouillierender Polizist von einer hysterischen Frau in viktorianischen Kleidern angesprochen und um Hilfe gebeten worden. Sie berichtete ihm mit hastiger Stimme, jemand wolle sich bei Cleopatra’s Needle das Leben nehmen. Als er keuchend am Fuss der Nadel stand, fand er sich just jener Lady gegenüber, der er zuvor begegnet war. Doch bevor er etwas sagen oder tun konnte, löste sich die altmodisch gekleidete Gestalt im Nichts auf. Dieses Ereignis inspirierte den Autor William Meikle zur Kurzgeschichte The Curious Affair on the Embankment, die er im Schreibstil von Arthur Conan Doyle verfasste und 2017 publizierte.

Literatur:
Jones, Richard: Walking Haunted London. 25 original walks exploring London’s Ghostly Past. Northampton 2007, S. 114.
Luckhurst, Roger: The Mummy's Curse. The True History of a Dark Fantasy. Oxford 2012, S. 146-147; 167.
Meikle, William: The Ghost Club. Newly Found Tales of Victorian Terror. Milton Keynes 2017, S. 225-246.

Die um 1840 erbaute Wassermühle am Flüsschen Rogačica. (Bild: Borilsav Jagodic)


Graf Draculas langer Schatten

Sava Savanović – ein serbischer Vampir

Die Ereignisse, von denen hier die Rede ist, spielten in einer kleinen Mühle am Flüsschen Rogačica in der serbischen Gemeinde Zarožje. Aufgezeichnet hat sie 1880 der serbische Schriftsteller, Übersetzer und Journalist Milovan Glišić unter dem Titel "Posle devedeset godin" (dt. "Nach neunzig Jahren"). Darin geht es um einen Vampir namens Sava Savanović, der nachts die in der Wassermühle tätigen Müller anfällt und zu Tode würgt. Schliesslich gelingt es den Dorfbewohnern von Zarožje mithilfe eines schwarzen Hengstes das einsame Grab des Vampirs zu lokalisieren und ihn mit einem durch die Brust geschlagenen Pfahl und in den Mund gegossenem Weihwasser zu töten.
Verschiedene Hinweise Glišićs, unter anderem die Erwähnung von damals verbreiteten osmanischen Kleinmünzen wie dem Akçe (mit einem Gewicht von je 0,33 bis etwa 0,5 Gramm; 3 Akçe=1 Para), lassen die Entstehung der Legende in die Zeit vor 1800 vermuten (Serbien war bis 1804 Teil des Osmanischen Reiches). Sava Savanović, sofern es ihn tatsächlich gegeben hat, dürfte folglich um 1700 bis 1710 verstorben sein. Sein Tod fällt in eine Epoche, in der im benachbarten Istrien und im Herzogtum Krain (heute Teil Sloweniens) die ersten Vampire auftraten (u. a. Giure Grando, verstorben 1656, ab 1672 Erscheinung als Untoter und Vernichtung, 1689 ausführliche Beschreibung seines Auftretens und seiner Vernichtung in Johann Weichard Valvasors "Die Ehre des Hertzogthums Crain").
Von der ursprünglichen Mühle, in der Sava Savanović über die Bewohner herfiel, stehen nur noch Teile des Steinfundaments. Der schlichte Bau, der heute den Besuchern als „Wirkungsort“ des Vampirs gezeigt wird, ist erst in den 1840er Jahren entstanden, hat also mit der ursprünglichen Legende nichts zu tun. Trotzdem: Als im Herbst 2012 die baufällige Wassermühle von 1840 in sich zusammenstürzte, erlangte Sava Savanović internationale Bekanntheit. Besorgt über die nunmehrige Obdachlosigkeit des Vampirs hingen die Talbewohner auf Empfehlung der Gemeindeverwaltung Kreuze und Knoblauch an die Haustüren. Bei der von den Behörden herausgegebenen und in der Presse verbreiteten Empfehlungen dürfte es sich wohl um eine PR-Aktion handeln, um nach dem Vorbild Rumäniens in Zarožje den Vampir-Tourismus anzukurbeln.

Literatur:
Glišić, Milovan (Autor), Andrew Boylan (Vorwort), James Lyon (Übersetzer): After Ninety Years. 2015. (Serbischer Originaltitel: Posle devedeset godina, publiziert 1880).
Valvasor, Johann Weichard von: Die Ehre des Hertzogthums Crain - Band VI - Von der Istrianer Sprache / Sitten und Gewohnheiten. Laybach und Nürnberg 1689.
Wölfl, Adelheid: Tourismus in Serbien: Ein Vampir namens Sava Savanović, in: Der Standard. Ausgabe vom 1. Mai 2013.

Pendel mit Glas und Pentagramm. Den dazu gehörigen Artikel finden Sie im Magischen Lexikon unter dem Begriff "Viktorianische Séance". (Bild Kurt Lussi)


Neue Einträge im Magischen Lexikon

Einige ursprünglich in dieser Rubrik aufgeschaltete Beiträge wurden im "Magischen Lexikon" archiviert. Klicken Sie rechts auf den Button "Magisches Lexikon" und wählen Sie den gesuchten Artikel. Die Benützung ist kostenlos.

 


Publikation "Mythisches, Magisches, Makabres"

Beitrag von Tele1

Am Mittwoch, 2. Januar 2019, ist in den Nachrichten von Tele1 ein Beitrag zum neu erschienenen Buch "Mythisches, Magisches, Makabres" von Kurt Lussi ausgestrahlt worden. Die von Christoph Lichtin, Historisches Museum Luzern, herausgegebene Publikation erschien in der Edition Voldemeer. Berlin/Boston (De Gruyter, 2019. 258 Seiten, 48 Abbildungen. ISBN 978-3110635706. Fr. 36.-). Sie ist im Buchhandel oder direkt beim Historischen Museum Luzern erhältlich.

Link zum Beitrag von Tele1

Leichenfeier in Lăzarea, einem vorwiegend von ungarischen Szeklern bewohnten Dorf im Osten von Transsylvanien. Im Hintergrund der mit weissen Kreuzen bemalte (noch leere) Sarg, den vielleicht die beiden Männer links im Bild gebracht haben. In der Mitte und rechts Familienangehörige und Klageweiber, die im Auftrag der Angehörigen die traditionellen Klagelieder singen. 1918 datierte Fotografie eines deutschen oder österreichischen Soldaten. (Bis 1918 gehörte Transsylvanien zum Königreich Ungarn und damit zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie.) (Sammlung Kurt Lussi)


Leichenfeier in Lăzarea, Rumänien, 1918

Transsylvanisches Begräbnis

Im gesamten Balkanraum befolgt man bei der Bestattung eines Verstorbenen von der Tradition vorgeschriebene Regeln. Eine besondere Bedeutung hat die Waschung der Leiche. Sie dient nicht nur der Reinigung des Körpers, sondern man bezweckt damit auch die Sündentilgung: Mit Wasser und Seife sollten die am Körper noch anhaftenden Sünden abgewaschen werden. Danach zieht man dem Toten neue Kleider an, damit er auf seiner Wanderschaft ins Jenseits gerüstet ist und in sauberer Aufmachung vor den Allmächtigen treten kann.
Dem Toten gab man bis in die neueste Zeit Dinge mit ins Grab, die seine Wiederkehr als Vampir verhindern sollten. Dazu gehörten Münzen. Mit diesen entlohnte er den Fährmann, der ihn über den Totenfluss setzte, der das Diesseits vom Jenseits trennt. Als Wegzehrung für senen Gang ins Reich der Schatten legte man ihm an einigen Orten Brot, Obst, Käse und Fleisch in den Sarg (Busbeque, Jagodina, 1564), manchmal auch Wein und Schnaps.
Besonders wichtig waren die Klagelieder, die von eigens dafür engagierten Klageweibern gesungen wurden. Diese Frauen achteten streng darauf, dass ihre Trauerbezeugungen nicht ausuferten, denn man glaubte, eine übermässige Trauer würde die Sehnsucht des Toten nach den Lebenden wecken und damit seiner ewigen Ruhe im Wege stehen.
Damit der Tote nicht als unliebsamer Wiedergänger oder Vampir zu den Lebenden zurückkehrt, streut man ihm sicherheitshalber noch heute Mohnsamen in den Sarg. Mit dem Brauch verbindet sich der Glaube, wonach der Verstorbene erst die Samen zählen muss, bevor er als Untoter sein Grab verlassen und zu den Lebenden zurückkehren kann (was ihm vor der Morgendämmerung nie gelingt). Apotropäischen Charakter haben auf dem Bild aus Lăzarea vielleicht auch die auf dem Sarg aufgemalten weissen Kreuze. Sie sollten den Toten wohl am Verlassen des Grabes hindern. Einen möglichen Beleg dafür finden wir in einem aus der Krajina (Serbien) überlieferten Brauch: Um einem allfälligen Vampir den Zutritt zu Haus und Hof zu verwehren, malte man schwarze Pechkreuze auf die Eingangstüren.

Literatur:
Kreuter, Peter Mario: Der Vampirglaube in Südosteuropa: Studien zur Genese, Bedeutung und Funktion – Rumänien und der Balkanraum. Berlin: Weidler, 2001.
Schneeweis, Edmund: Serbokroatische Volkskunde. Berlin: de Gruyter, 1961.

 

Der Voodoo Spirit Baron Samedi als Skelett mit Top Hat und Brille. New Orleans Historic Voodoo Museum. Illustration aus "Mythisches, Magisches, Makabres". (Bild Kurt Lussi)


Neue Publikation

Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister

Der Glaube an Dämonen, Vampire und unruhige Totengeister, die in der unsichtbaren Welt zwischen dem Diesseits und dem Jenseits ihren Aufenthalt haben, bestimmt seit Jahrtausenden die Lebenswirklichkeit des Menschen. Davon zeugen die Riten und Gebräuche mit denen die Lebenden versuchen, die höheren Mächte zu beschwören und Unheil abzuwenden.

Die Existenz einer Bewusstseinsdimension zwischen dem Diesseits und dem Jenseits kann weder belegt, noch bestritten werden. Daraus entsteht Ungewissheit – und mit ihr die Angst des Menschen Gewalten ausgeliefert zu sein, gegen die er machtlos ist.

Über dreissig Jahre hat sich der Autor mit dem Tod und dem, was danach sein wird, auseinandergesetzt und seine Erfahrungen, Überlegungen und Erkenntnisse in zahlreichen Fachartikeln publiziert. Für dieses Buch wurde eine überarbeite und zum Teil erheblich erweiterte Auswahl zu einem neuen Ganzen zusammengefasst.

Inhalt

Mythisches

Das Geisterreich. Zwischen Diesseits und Jenseits
Seeschlangen, Meeresungeheuer. Sichtbar, fassbar, nicht erklärbar
Geister, Teufel, Tod. Ahnenglaube und Maskenlaufen

Magisches

In Ostafrika. Bei den Luo im Siaya County (Kenia)
Rote Erde. Rötel und Ziegelsteinmehl in der Volksmedizin
Louisiana Voodoo Hoodoo. Afrikanische Spirits, Katholizismus, europäischer Volksglaube
Voodoo-Praxis. Ein Reinigungsritual auf dem Saint Louis Cemetery No. 1
Kurantmünzen in der volksmagischen Apotheke

Makabres

An der Schwelle zum Jenseits. Die Reise der Seele
Scheintod und vorzeitige Beerdigung. Die Lady mit dem Ring
Der Vampir von Highgate. Draculas langer Schatten

Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister, hrsg. von Christoph Lichtin, Historisches Museum Luzern. Zürich: Edition Voldemeer. Berlin/Boston: De Gruyter, 2019. 258 Seiten, 48 Abbildungen. ISBN 978-3110635706. Fr. 36.-

 

Fragment einer Buchseite aus einem spätgotischen Ars moriendi. (Sammlung Kurt Lussi)


Neu im Download

Direkter Link zu den Fachartikeln von Kurt Lussi auf Zenodo

Immer häufiger werden wissenschaftliche Fachartikel online publiziert und gespeichert. Einer der bekanntesten Online-Speicherdienste ist Zenodo. Auf Zenodo werden hauptsächlich wissenschaftliche Publikationen, Berichte, Präsentationen und Videos hochgeladen und der Öffentlichkeit unentgeltlich zur Verfügung gestellt. Finanziert wird der Dienst über die Europäische Kommission (EK).

Zenodo integriert den Repository-Dienst Git-Hub, um dort gespeicherte Quelltexte zitierfähig zu machen. Auch der zenodo-eigene Quelltext ist auf Git-Hub verfügbar. Die Webseite wird durch das OpenAIRE-Konsortium und das CERN betreut und gepflegt (zitiert nach Wikipedia).

Der Name Zenodo kommt von Zenodotos von Ephesos, dem ersten Leiter der großen Bibliothek von Alexandria, in der er den Grundstein für die größte antike Schriftensammlung legte.

Eine Zusammenstellung der auf Zenodo hochgeladenen Artikel von Kurt Lussi finden Sie über diesen Link mit direkter Downloadmöglichkeit.

 

Nächster Anlass:

Sa 05.12.20

Wiedergänger, Nachzehrer, Vampire. Seminar in Salzburg