Verlassenes Haus im Süden der USA. In angelsächsischen Ländern gelten unbewohnte und dem Zerfall überlassene Gebäude als Orte, die von unruhigen Totengeistern besetzt sind. Fotografie um 1890. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


RaBe Beitrag im Magazin subkutan

Geister - von Spukwesen und den Liebsten im Jenseits

Erzählungen von Spukereignissen sind Erklärungsversuche, entstanden aus der Angst des Menschen, Gewalten ausgeliefert zu sein, gegen die er machtlos ist. Es geht also immer um das Unbekannte, Unerklärliche und Ungewisse. All das verursacht Angst. Was hat es mit dem Gerumpel auf dem Dachboden auf sich? Welche Bedrohung geht davon aus? Wie sind die seltsamen Lichterscheinungen zu erklären, die aus dem Nichts heraus aufzutreten scheinen? Indem der Mensch für scheinbar unerklärliche Vorkommnisse eine Erklärung findet, wird das Unfassbare fassbar: Das Gerumpel ist nichts anderes als ein Verstorbener, vielleicht sogar einer aus der Familie. Für das Heil seiner Seele helfen Gebete. Das weissliche Licht ist womöglich eine unerlöste Seele, die durch einen Exorzismus gebannt werden kann.
Ein wesentliches Merkmal von Geistererscheinungen ist ihre Bindung an bestimmte Orte. Das können Häuser sein, Wegkreuzungen, Strassen oder Friedhöfe. Diese Orte verbinden die unsichtbare Welt der Geister und Dämonen mit der Wirklichkeit. Allein durch ihre Existenz sorgen sie dafür, dass die merkwürdigen Geschehnisse immer und immer wieder erzählt werden. Letzteres gilt vor allem für Spukhäuser. In den angelsächsischen Ländern sind dies meist unbewohnte und dem Zerfall überlassene Gebäude. In diesen werden Realität und Alltagswahrnehmung in Frage gestellt, vielleicht auch deshalb, weil ihnen der Ruf vorauseilt, dass hier das Unheimliche besonders präsent ist.

Literatur:
Lussi, Kurt: Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister. Herausgegeben von Christoph Lichtin, Historisches Museum Luzern. Edition Voldemeer Zürich; Walter de Gruyter GmbH. Berlin/Boston 2019. ISBN 978-3-11-063570-6

Pressefoto vom 29. Oktober 1926. Beim Gebäude im Hintergrund handelt es sich um die 1887 erbaut St. Katherine’s Chapel von Williamston, Michigan. Links im Vordergrund das Grab der am 29. Februar 1864 verstorbenen Kittie. Rechts das Grabmal ihres Vaters John Harris Forster. Unten: Ambrotypie eines etwa sechs Jahre alten Mädchens. USA, um 1865 (Symbolbild).


Ein Pressefoto und eine Spukgeschichte aus der Neuen Welt

Das "Haunted House" in Williamston, Michigan

Das Pressefoto vom 29. Oktober 1926 zeigt ein hölzernes Gebäude auf dessen First ein Kreuz angebracht ist. Vorne sind eine Stele und links davon ein Grabstein zu sehen. Auf der Rückseite steht “Chapel and cemetery which adjoins Haunted house built by John Harrison Forster near Williamson Mich”. Doch welcher Art der Spuk ist und auf wen oder was er zurückzuführen ist, sagt uns der Text nicht.
Licht ins Dunkel bringen die Fakten. Beim Gebäude im Hintergrund handelt es sich um die heute noch stehende St. Katherine's Chapel, die John Harris Forster 1887 in Erinnerung an den allzu frühen Tod seiner sechs Jahre alten Tochter Katherine, genannt Kittie, erbauen liess. Das Kind verstarb am 29. Februar 1864. Sein Grab befindet sich auf dem kleinen, der Kapelle vorgelagerten Friedhof. Die Stele rechts ist das Grabmal von John Harris Forster (27. Mai 1822 bis 15. Juni 1894).
Kapelle und Friedhof befinden sich im nordwestlichen Teil von Williamston Township, einer zivilen Gemeinde im Ingham County im US-Bundesstaat Michigan. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde dieses Gebiet vom Stamm der Saginaw-Indianer als Begräbnisplatz genutzt. Wo genau sich dieser befand, ist nicht überliefert. Man weiss nur, dass er nördlich des Red Cedar River und damit in der Nähe der St. Katherine's Chapel zu suchen sei. Soweit die Fakten.
Welcher Art das Phänomen war, das die Bewohner des "Haunted House"um den Schlaf brachte, kann nur vermutet werden. War es der "Ghost" eines Saginaw-Indianers, der das auf dem Land seiner Ahnen stehende Anwesen heimsuchte? Darauf deuten die bis heute lebendigen Vorstellungen des Volkes der Chippewa, zu dem der Stamm der Saginaw gehört. Diese glauben, dass sich der Spirit eines Verstorbenen längere Zeit in der Nähe des Körpers aufhält. Daher errichten sie über den Gräbern Hütten aus Holz, in denen er sich der Geist des Verstorbenen bis zu seiner Reise in die Ewigkeit aufhalten kann. Nun, das ist die eine Version. Nach einer anderen soll es die Seele der kleinen Kittie gewesen sein die ihre Ruhe nicht finden konnte und sich daher den Lebenden bemerkbar machte. Diese Auffassung hat ihre Wurzeln im europäischen Volksglauben: Vorzeitiger Tod und damit nicht erfülltes Leben verhindern die ewige Ruhe. Folglich muss die Seele des Verstorbenen so lange umgehen bis die Zahl der Jahre erreicht ist, die er noch zu leben gehabt hätte.
Was genau vor fast einhundert Jahren geschah und wie man das unerklärbare und damit unheimliche Etwas deutete, werden wir nie erfahren. Aber der Spuk muss in Williamston allgemein bekannt gewesen sein. Anders lässt sich die Entstehung des Pressefotos nicht erklären. Aber wie bei fast allen diesen Phänomenen gilt: Was als Erscheinung eines Spirits gedeutet wird, hat bei näherem Hinsehen fast immer natürliche Ursachen. Trotzdem, es bleibt ein Rest von Ungewissheit, denn die Existenz von Totengeistern kann weder bewiesen noch widerlegt werden.

Omolo Nyodeny, Heilerin und einziger weiblicher Witchdoctor der südlichen Sakwa-Region (Kenia) hat Macht über die Kräfte des Universums. Sie heilt Kranke, treibt Dämonen aus und macht Verfluchungen unwirksam. (Bild: Kurt Lussi)


Vortrag im Rahmen des 12. Symposiums des Netzwerks Ethnobiologie Schweiz

Hexen und Heiler. Krankheit und magische Heilung in Ostafrika

Nach den Vorstellungen des Volkes der Luo haben Krankheiten, überhaupt alle den Menschen schädigenden Ereignisse, keine natürlichen Ursachen, sondern sie entstehen durch den Schadenzauber feindlich gesinnter Mitmenschen. Dementsprechend ist die Heilung darauf ausgerichtet, die negativen Einflüsse durch einen Gegenzauber zu beseitigen oder zumindest zu neutralisieren. Parallel zur magischen Heilung werden die Symptome des Schadenzaubers – aus unserer Sicht die eigentliche Krankheit –mit Kräutern oder Kräutermixturen behandelt.

In seinem Vortrag erläutert der Referent anhand von Fallbeispielen und eigenen Erfahrungen wie das ganzheitliche Verständnis von Krankheit und magischer Heilung in der afrikanischen Praxis funktioniert und was wir daraus lernen können.

Datum:
Samstag, 6. März 2021, 9.50-16.30

Veranstalter:
Netzwerk Ethnobiologie Schweiz Link zur Webseite

Veranstaltungsort:
Marianischer Saal, Luzern.Der Marianische Saal befindet sich in: Bildungs- und Kulturdepartement Kanton Luzern, Bahnhofstrass 18, 6003 Luzern.

Die Veranstaltung ist öffentlich, die Teilnahme ist frei. Das Programm mit den einzelnen Vorträgen, den Vortragszeiten und weiteren Details ist auf der Webseite des Netzwerks Ethnobiologie Schweiz publiziert. Link zur Webseite

Hinweis:
Falls die Corona-Situation das Symposium nicht zulässt, findet die Veranstaltung online statt. Weitere Informationen folgen.

Publikationen des Referenten zum Thema:
Dämonen, Hexen, Böser Blick. Krankheit und magische Heilung im Orient, in Europa und Afrika. Aarau 2011 (AT Verlag).
Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister. Berlin und Boston 2019 (Walter de Gruyter/Edition Voldemeer). Darin insbesondere das Kapitel "Bei den Luo im Siaya County, Kenia".



Oben: Alloway Auld Kirk. Schon zu Robert Burns Zeiten galt die Kirchenruine als unheimlich und von Dämonen und bösen Geistern besetzt. Unten: Im letzten Moment reisst die junge Hexe Nannie Dee Tams Pferd Meg den Schwanz aus. Stahlstiche, 1846 von Blackie & Son, Glasgow, erstmals publiziert. (Sammlung Kurt Lussi)


Magisches und Mythisches bei Robert Burns

Tam o' Shanter und die Hexen

Tam o’ Shanter ist eine in Prosaform verfasste Erzählung des schottischen Dichters Robert Burns (1759-1796). Er beschreibt darin das ausschweifende Leben des Farmers Tam, der sich bei seinen Marktbesuchen in Ayr regelmässig mit seinen Freunden betrinkt. Als Tam nach einem derartigen Besäufnis auf seinem Pferd Meg heimreitet, sieht er aus der halb verfallenen Kirche Alloway Auld Kirk Licht dringen. Von Neugier gepackt nähert er sich dem alten Gemäuer. Auf seinem Pferd sitzend späht er ins Innere und sieht einen Teufel, der tanzenden Hexen und Hexenmeistern mit seinem Dudelsack aufspielt. Noch immer betrunken betrachtet er das wilde Treiben. Als sich eine junge Hexe in kurzem Röckchen besonders aufreizend bewegt, entfährt es ihm «Gut gemacht, Cutty Sark». Sofort verstummt die Musik. Das Licht geht aus. Die dämonische Schar eilt nach draussen um den ungebetenen Gast zu packen. Sofort wendet Tam sein braves Pferd Meg und eilt dem Flüsschen Doon zu im Wissen, dass Dämonen und Hexen Wasser nicht überqueren können. Fast hätte er es geschafft. Doch im letzten Moment erwischt die junge Hexe Nannie Dee den Schweif seines Pferdes. Aber Tam ist gerettet. Bis auf den ausgerissenen Pferdeschwanz, den die junge Hexe triumphierend in den Händen hält, sind beide nochmals davongekommen.
Cutty Sark ist in der schottischen Mundart, dem Lowland Scots, die Bezeichnung für ein kurzes Unterhemd. Der englische Tee- und Wollklipper Cutty Sark ist nach Burns Sagengestalt benannt. Die Galionsfigur des Schiffes zeigt denn auch die mit einem kurzen Hemdchen bekleidete junge Hexe Nannie Dee, die in ihrer linken Hand den Schweif von Tams Pferd Meg hält. Nach dem Schiff ist zudem der bekannte Whisky Cutty Sark benannt.

Reste des ehemaligen Klosters Beeleigh Abbey in der Nähe von Maldon in Essex, England. Unten: Kapitelsaal der 1540 säkularisierten Abtei. Postkarten aus der Zeit um 1910 (Sammlung Kurt Lussi)


Paranormale Erscheinungen in einem ehemaligen Kloster in Essex

Die Geister von "Beeleigh Abbey"

Beeleigh Abbey ist ein ehemaliges Kloster in der Nähe von Maldon in Essex, England. Erbaut wurde es 1180 für den Orden der Prämonstratenser. Im Zuge der Loslösung von Rom und der damit verbundenen Aufhebung der Klöster schenkte König Heinrich VIII. das Anwesen im Jahre 1540 Sir John Gates, Kanzler des Herzogtums Lanchaster. Wegen John Gates Unterstützung für die Einsetzung von Lady Jane Grey als Königin liess ihn Queen Mary I. 1553 im Tower von London wegen Hochverrats enthaupten. Sein Geist, wird erzählt, kehrt seit dem 16. Jahrhundert regelmässig nach Beeleigh Abbey zurück und soll sich dort vor allem am 11. und 22. August, seinem Todestag, bemerkbar machen:
Im «James Room» wurde verschiedentlich eine Gestalt gesehen, deren Kopf mit einer Kapuze verhüllt war. Ob diese Erscheinung mit Sir John Gates oder mit einem Mönch zu tun hat, dessen Seele aus welchen Gründen auch immer ihre ewige Ruhe noch nicht gefunden hat, vermag niemand mit Bestimmtheit zu sagen. Auf den Geist von Sir John zurückgeführt werden auch die Poltergeist-Erscheinungen in einem der Schlafzimmer. Zwei Personen, die unabhängig voneinander darin jeweils eine Nacht verbrachten, berichteten von Vibrationen, die sogar das Wasser im Waschkrug überschwappen liessen. Eine der beiden Personen wies am Hals sogar Bisswunden auf, die einen chirurgischen Eingriff erforderlich machten.

Literatur:
Underwood, Peter: The Vampire's Bedside Companion. The Amazing World of Vampires in Fact and Fiction. London 1975. Peter Underwood (1923-2014) gehört zu den bedeutendsten englischen Parapsychologen des 20. Jahrhunderts. Er war u.a. von 1960-1993 Präsident des 1862 gegründeten Ghost Clubs, der seinen Sitz in London hat.

Hungrige Wölfe lauern einem Mädchen auf. Stahlstich um 1850. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


Spuk und Zauber in der Mittwinterzeit

Werwölfe, Werwolfprozesse und ihre Ursachen

Die Mittwinterzeit ist die Zeit der Werwölfe. In den dunkelsten Nächten des Jahres treten sie vor allem an jenen Orten auf, die auch von Vampiren und Wiedergängern heimgesucht werden: Friedhöfe, Kreuzwege und Orte, an denen Mordtaten geschehen sind. Im Gegensatz zu den Vampiren sind Werwölfe keine Untoten sondern Menschen, die Kraft eines Zaubers die Gestalt von Wölfen annehmen können. So gesteht 1664 ein gewisser Peter Breitenmoser den Richtern zu Luzern, er habe sich «zu einem wolff gmacht (…) und 2 schaff nider gerissen». Auf die Frage, wie die Verwandlung geschehen sei, sagte er, er «habe das stecklin in das salben Heffelin gestossen und den steckhen 3 mall ins teüffels nammen zu ring umb gemacht und gesagt, ietz bin ich ein wolff, da syend sye zu wölffen worden».
Prozesse gegen angebliche Werwölfe, wie jener gegen Peter Breitenmoser, waren in der Schweiz die Ausnahme. Weitaus häufiger fanden sie in Frankreich und in Deutschland statt. Dies hängt eng mit dem massenhaften Auftreten von Wölfen zusammen, was wiederum mit den langen und verlustreichen Kriegen dieser Zeit zu tun hat, die vor allem auf deutschem Gebiet ausgetragen wurden. Damals war es üblich die Gefallenen der Gegenpartei auf den Schlachtfeldern liegen zu lassen, wo sie zuerst von der notleidenden Bevölkerung ausgeraubt und später von Wölfen gefressen wurden. Als mit dem Pyrenäenfrieden von 1659 der letzte der vier grossen Kriege zu Ende gegangen war, stand die zwischenzeitlich übergrosse Wolfspopulation in einem Missverhältnis zur verfügbaren Nahrung. Die Gefallenen fehlten und die Wälder waren leergeschossen. In der Folge lauerten hungrige Wölfe leicht zu erbeutenden Kindern, Frauen und alten Männern auf und gruben auf Friedhöfen die Toten aus. Insofern ist den Überlieferungen, wonach Werwölfe nachts die Friedhöfe heimsuchen würden, Glauben zu schenken. Nur: Was die Zeugen gesehen hatten, waren nicht Werwölfe, sondern hungrige Wölfe auf Futtersuche.

Literatur:
Barber, Paul: Vampires, Burial, and Death. Folklore and Reality. New Haven und London 1988.
Hertz, Wilhelm: Der Werwolf. Beitrag zur Sagengeschichte. Stuttgart 1862.
Baring-Gould, Sabine: The Book of Were-Wolves. London 1865.
Lussi, Kurt: Luzerner Wölfe und Werwölfe, in: Heimatkunde des Wiggertals, Heft 48. Willisau 1990, S. 59-97
Schacher, Joseph: Das Hexenwesen im Kanton Luzern nach den Prozessen von Luzern und Sursee 1400-1675. Luzern 1947.
Völker, Klaus (Hg.): Von Werwölfen und anderen Tiermenschen. Dichtungen und Dokumente. München 1972.

Das Burgfräulein von Strechau. Das Gemälde in der Sammlung des Benediktinerstifts Admont in der Obersteiermark entstand in den Jahren nach 1600. (Postkarte um 1910. Sammlung Kurt Lussi)


Seminar in Mattsee bei Salzburg (aktualisiert)

Wiedergänger, Nachzehrer, Vampire

Im ganzen Alpenraum ist das Winterhalbjahr die Zeit der ruhelosen Toten. Nach Einbruch der Dunkelheit steigen sie aus ihren Gräbern und kehren in mannigfacher Gestalt zu den Lebenden zurück. Im Osten und Südosten Europas besonders gefürchtet sind die Vampire. Das sind die Untoten, die ihren Opfern das Blut und somit das Leben aussaugen. Um sie unschädlich zu machen öffnet man ihre Gräber, schlägt der Leiche den Kopf ab, treibt einen schweren eisernen Nagel durch den Körper oder reisst das Herz heraus. So steht es jedenfalls in alten Berichten und Chroniken des 17. bis 19. Jahrhunderts. Doch selbst heute werden immer wieder Nachrichten publik, wonach Gräber geöffnet und die Leichen angeblicher Vampire geschändet wurden.

Ablauf:
Am Vormittag besuchen wir den Sebastiansfriedhof in Salzburg. Anhand der Grabsymbolik befassen wir uns mit dem Tod und der Geisterwelt. Der zweite Teil findet in der Seminarpension Sterntaler in Mattsee statt. Hier geht es um die Zusammenhänge von Leylines und Geistererscheinungen am Beispiel des «Vampirs von Highgate». Zum Abschluss gehen wir der Frage nach, weshalb und in welchem Ausmass die Steiermark und das angrenzende ehemalige Herzogtum Crain (heute Slowenien) die Entstehung der englischen Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts beeinflusste.

Hinweise:
Treffpunkt in Salzburg: 10.00 Uhr beim Eingang zum Sebastiansfriedhof. Für Teilnehmer/innen, die in Mattsee übernachten, bestehen Mitfahrgelegenheiten nach Salzburg (Anreise am Vortag empfohlen).

Übernachtung:
Seminarpension Sterntaler in Mattsee, https://www.sterntaler-mattsee.at/home/ (Bitte frühzeitig reservieren. Die Zahl der verfügbaren Zimmer ist beschränkt.)
Weitere Übernachtungsmöglichkeiten in Mattsee und Umgebung.

Datum:
Samstag, 13. November 2021 ab 10:00 Uhr.

Kosten:
€ 132.-.  Darin eingeschlossen ist die Führung auf dem Sebastiansfriedhof von Salzburg (Beginn 10:00 Uhr), das Seminar am Nachmittag (Beginn 15:00 Uhr; sowie das Nachtessen in der Seminarpension Sterntaler in Mattsee.

Das Seminar am Nachmittag kann auch ohne Nachtessen und Führung in Salzburg gebucht werden (Preis Anfrage).

Anmeldung:
Einschliesslich Buchung der Unterkunft in der Seminarpension Mattsee über: https://www.sterntaler-mattsee.at/home/)

Literatur:
Lussi, Kurt: Mythisches, Magisches, Makabres. Das Leben, der Tod und die Welt der Geister, hrsg. von Christoph Lichtin, Historisches Museum Luzern. Zürich: Edition Voldemeer. Berlin/Boston: De Gruyter, 2019. 258 Seiten, 48 Abbildungen. ISBN 978-3110635706. Fr. 36.-.

Portrait des Gerard van Swieten (1700-1772). Mediziner, Reformer und Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia. Als vehementer Verfechter der Aufklärung spielte van Swieten eine zentrale Rolle im Kampf gegen den Glauben an Vampire, von deren Existenz ab 1720 immer wieder Berichte an den kaiserlichen Hof in Wien gelangten. Mezzotinto von Johann Jacob Haid (1704-1767) nach einem Gemälde von Isaak Leupold (1704-1759). (Bild und Sammlung Kurt Lussi)

Vampirglaube in Südosteuropa im18. Jh.

Gerard van Swieten. Mediziner und Kämpfer gegen den Vampirglauben

Gerard van Swieten (1700-1772) war eine der wichtigsten Persönlichkeiten des 18. Jh. im Kampf gegen den Glauben an Vampire, von deren scheinbaren Existenz ab 1720 immer wieder Berichte aus dem damals habsburgischen Südosteuropa nach Wien gelangten.
Die Vorgeschichte: Nach dem Ende des Türkenkrieges von 1718 fielen im Frieden von Passarowitz Teile Nordserbiens und Bosniens, die bis dahin zum Ottomanischen Reich gehört hatten, dem Kaiserreich Österreich zu. Aus diesen Gebieten stammen die ersten Berichte kaiserlicher Feldschere (Truppenärzte). Sie geben uns Kunde von Dörfern im Grenzland zum Ottomanischen Reich, in denen Gräber Verstorbener geöffnet und die Leichname praktisch unverwest und mit Blut verschmierten Mündern aufgefunden wurden. 
Als Leibarzt der Kaiserin Maria Theresia stand van Swieten bei der Untersuchung der gemeldeten Vampirphänomene an vorderster Front. In der Vorrede zu seiner "Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus" (Augsburg 1768) kommt er in einer Fussnote zum Schluss, "dass der ganze Lärm [um die Vampire] von nichts andern herkömme, als von einer eitlen Furcht, von einer aberglaubischen Leichtglaubigkeit, von einer dunkeln und bewegten Phantasey, Einfalt und Unwissenheit bei jenem Volke."
Gestützt auf die Gutachten van Swietens und anderer Mediziner dieser Zeit ordnete Kaiserin Maria Theresia in ihrem Erlass vom 1. März 1755 an, "dass dergleichen sündliche Müssbräuche [gemeint sind die Vampire betreffende abergläubische Praktiken] in unseren Staaten künfftighin keineswegs zu gestatten, sondern vielmehr mit denen empfindlichsten Straffen" zu belegen seien.
Literarisches Nachspiel: Gerard van Swieten gilt als Vorbild für den Vampirjäger van Helsing in Bram Stokers Roman "Dracula". Im Gegensatz zu van Swieten tritt van Helsing jedoch nicht gegen den Aberglauben auf, sondern er fördert ihn indirekt, indem er in seinem Kampf gegen den Grafen Dracula magische Mittel verwendet, wie sie in Südosteuropa bis heute gebräuchlich sind. Siehe unten: "Der Glaube an Verstorbene, die als Vampire zurückkehren, ist auf dem Balkan noch immer lebendig".

Literatur:
Hamberger, Klaus: Mortuus non mordet: kommentierte Dokumentation zum Vampirismus 1689-1791. Wien 1992.

Oben: Mit Stroh gedeckte Cottages in Devon, um 1880. Unten: Bei der Erneuerung eines Cottage unter den alten Bodenbrettern gefundenes Ziegenhorn, das gemäss einer beigefügten Notiz ins 17. Jh. datiert wird. (Bilder und Sammlung Kurt Lussi)


Ein seltsamer Fund aus dem 17. Jahrhundert

Ein Bockshorn wider Hexenwerk und Schadenzauber

Im Jahre 1928 fand man bei der Erneuerung eines Cottage in der Grafschaft Devon (Südwestengland) unter den Jahrhunderte alten Bodenbrettern ein Ziegenhorn. Obschon Ziegenböcke im gesamten europäischen Kulturraum mit Hexen und dem Teufel in Verbindung gebracht werden, gelten ihre Hörner als besonders wirksame Schutzmittel gegen böse Mächte und dämonische Einflüsse. Dies hängt mit dem Glauben zusammen wonach die gewaltige Kraft des Ziegenbocks selbst dann noch in seinen Hörnern innewohnt, wenn sie vom Tier abgetrennt sind. In der Grafschaft Devon, in der sich bis in die Gegenwart viele magische Praktiken und Vorstellungen von Feen, Hexen und Naturgeistern erhalten haben, schreibt man Ziegenhörnern die Eigenschaft zu, magische Angriffe abwehren oder unter Hexen Zwietracht säen zu können. Vielleicht wurde das ins 17. Jahrhundert datierte Ziegenhorn unter den Bodenbrettern verborgen, um sich gegen das Wirken der angeblichen Hexen von Bideford in Devon zu schützen, denen schliesslich 1682 der Prozess gemacht wurde. Die damals verurteilten Frauen gehören nach dem heutigen Wissensstand zu den letzten Hexen, die in England gehängt wurden.

Literatur:
Bradbury & Evans: Witchcraft in Devon, in: Once a Week. Illustrated Miscellany of Literature, Art, Science & Popular Information, Vol. I, Third Series. London 1868, S. 61-64.
Brown, Theo: Devon Ghosts. Norwich 1982.

Oben: Ein Verstorbener wird mit den Füssen voran aus dem Haus getragen, damit er nicht als Untoter zurückkehrt. Rumänien um 1910. Unten: Ein Klappmesser, zwei Handsicheln und ein grosser Eisennagel aus Bulgarien (von oben). Der Gebrauch von Eisennägeln anstelle von Pfählen zur Bannung von Vampiren und anderen Untoten ist mehrfach belegt, u. a. durch einen Bericht des Grafen Cabrera (1730) sowie durch neuere archäologische Funde in Bulgarien, Polen und England. Für das Herausreissen der Herzen finden sich ebenfalls Quellen, welche die alte Sitte belegen (u. a. Bericht des Botanikers Joseph Pitton de Tourneforts 1718).(Bilder und Sammlung Kurt Lussi)


Ein Fall von Vampirismus in Rumänien

Der Glaube an Verstorbene, die als Vampire zurückkehren, ist auf dem Balkan noch immer lebendig

Am 26. Dezember 2003 verstarb im rumänischen Dorf Marotinu de Sus der 76 Jahre alte Toma Petre an den Folgen eines Unfalls. Sechs Wochen später klagte Mirela Marinescu, eine Nichte des Verstorbenen, sie werde von einem Moroi, einem Vampir, geplagt. Dieser sauge ihr das Blut aus und wolle sie töten. Für die Familie war klar, dass nur Toma Petre dieser Moroi sein könne. Um die junge Frau zu retten, begaben sich unter Leitung von Gheorghe Marinescu sechs Männer der Familie auf den Dorffriedhof, öffneten das Grab und nahmen den Leichnam heraus. Dieser wies die seit Jahrhunderten bekannten Anzeichen eines Untoten auf: Das Gesicht war rot, der Bart im Grab weiter gewachsen und aus der linken Mundecke floss frisches Blut. Als die Turmuhr Mitternacht schlug, öffnete Mircea Mitrica, einer der sechs, den Brustkorb des Toten und riss ihm mithilfe einer Sichel das Herz heraus. Anschliessend bestreuten die Männer den Leichnam mit Knoblauch, trieben einen Pfahl durch den Körper und legten ihn sorgsam ins Grab zurück. Danach entfachten sie an einem Kreuzweg ein Feuer und rösteten das auf einen Spiess gesteckte Herz. Zurück im Haus des Mädchens verbrannten sie das angesengte Herz vollends zu Asche und gaben diese vermischt mit Wasser der Kranken zu trinken. Bereits am anderen Morgen zeigte die junge Frau deutliche Anzeichen der Besserung. Innert kürzester Zeit war sie vollständig genesen.
Bekannt wurde dieser Fall lediglich deshalb, weil der Tochter des Toten aufgefallen war, dass sich offenbar jemand am Grab ihres Vaters zu schaffen gemacht hatte. Auf dem Gerichtsweg setzte sie dessen Exhumierung durch. Das fehlende Herz führte schliesslich zur Anklage und Verurteilung der sechs Männer wegen Grab- und Leichenschändung.

Literatur:
Beresford, Matthew: The Dangerous Dead: The Early Medieval deviant burial at Southwell, Nottinghamshire in a wider context. MBArchaelogy Local Heritage Series. Number 3, Oktober 2012.
Hamberger, Klaus: Mortuus non mordet: kommentierte Dokumentation zum Vampirismus 1689-1791. Wien 1992.

 

Blick von der Coventry Street zum Piccadilly Circus, wo am 16. April 1922 drei Männer von einem angeblichen Vampir attackiert worden waren. (Postkarte um 1920, Sammlung Kurt Lussi)


Unerklärbare Attacken im Herzen Londons

Der Coventry Street Vampir

Die Coventry Street. Auf den ersten Blick hinterlässt dieses belebte Strassenstück nicht den Eindruck eines Ortes, an dem paranormale Aktivitäten auftreten. Und doch sind genau hier, wo die Coventry Street in den Piccadilly Circus einmündet, drei Männer am gleichen Tag Opfer einer Attacke geworden, für die man bis heute keine Erklärung hat: Am 16. April 1922 wurde ein Angestellter um sechs Uhr morgens von einem unbekannten Etwas zu Boden geworfen, worauf er das Bewusstsein verlor. Als er wieder erwachte, befand er sich im Charing Cross Hospital. Dort erklärten ihm die Ärzte, er sei zweimal von jemandem mit einem Röhrchen in den Hals gestochen worden, welches die Grösse einer Injektionsnadel gehabt habe. Der Mann beharrte jedoch darauf, dass er von einem formlosen schattenhaften Wesen zu Boden geworfen worden sei. Dieses habe ihn aus dem Schatten heraus angegriffen, ihn in den Hals gebissen und ihm Blut ausgesaugt, worauf er das Bewusstsein verloren habe. Wie zur Bestätigung seiner Aussage wurden im Laufe des Tages noch zwei weitere Männer eingeliefert, die am selben Ort auf die gleiche Weise attackiert worden waren.
Soweit die Fakten. Und nun zu den Geschichten. Die eine besagt, dass die Polizei, die erfolglos nach dem Täter fahndete, schliesslich einen Exorzisten engagiert hätte. Diesem sei es gelungen, das wie ein Vampir agierende Wesen zu stellen und mit einem durchs Herz getriebenen Pfahl zu töten. Eine andere Version bringt die Vorfälle in der Coventry Street mit einem Ereignis in der Vollmondnacht vom 12. April 1922 in Zusammenhang. In dieser Nacht wurde auf dem Friedhof der Kirche von St. Martin in Dayton im Westen Londons von verschiedenen Personen eine gigantische schwarze Kreatur gesehen, deren Flügel eine Spannweite von sechs Fuss (rund 180 cm) gehabt hätten. Das Monster sei die ganze Nacht über um die Grabsteine geflogen und habe kreischende Geräusche von sich gegeben, die weitherum zu hören gewesen seien. Nach dieser Nacht wurde das Monster nie mehr gesehen und auch in der Coventry Street waren keine weiteren Vampirattacken mehr zu verzeichnen.

Literatur:
Newcourt, Richard: Repertorium Ecclesiasticum Parochiale Londinense: An Ecclesiastical Parochial History of the Diocese of London. Containing an Account (…). London 1708.
Leyland, Simon: A Curious Guide to London. Tales of a City. London 2014.


Oben: Ausdruckstanz junger Frauen nach der Schule von Rudolf von Laban. Das Bild entstand um 1930 im Umkreis des Fotografen Gerhard Riebicke. Unten: Ausdruckstanz auf dem Monte Verità. (Sammlung Kurt Lussi)


Monte Verità, Ascona, Tessin

Wo die Seele den Himmel berührt

Im frühen 20. Jahrhundert zog der Monte Verità oberhalb von Ascona im Kanton Tessin Vegetarier, Nudisten, Aussteiger, Wahrheitssuchende, Künstler, Okkultisten und Esoteriker aus der ganzen Welt an. Der Hügel liegt genau auf der geologischen Spalte, die Afrika von Europa trennt. Er gilt daher als idealer Kraftort um zu meditieren, zu neuen Lebensformen zu finden oder magische bzw. okkulte Rituale durchzuführen. Kein Wunder, dass der Sexualmagier, Theosoph und Freimaurer Theodor Reuss (Ordensname "Merlin Peregrinus") ausgerechnet auf dem Monte Verità eine "Anationale Großloge und Mystischen Tempel" des O.T.O. (Ordo Templis Orientis) stiftete und zugleich eine überarbeitete Version der "Constitution of the Ancient Order of Oriental Templars" publizierte.
Eine weitere bekannte Gestalt war der Tänzer und Choreograph Rudolf von Laban (1879-1958), der Begründer des modernen Ausdruckstanzes. Von 1913 bis 1917 bot er auf dem Monte Verità jeweils von April bis Oktober Tanzkurse an. Ziel der von ihm entwickelten Form des Tanzens war der Aufbau einer Verbindung zwischen dem Innersten des Menschen und dem Tanz. Getanzt wurde fast ausschliesslich an der frischen Luft, manchmal leicht bekleidet, meistens jedoch nackt. Für letzteres prägten die Einheimischen schon früh den Begriff "ballabüit", der sich aus den Wörtern "ballare" (tanzen) und "büit" (unbekleidet) zusammensetzt.

Literatur:
Vermeer, Ruud: Aleister Crowley. Eine illustrierte Biographie des bekanntesten und umstrittendsten Magiers des 20. Jahrhunderts. Amsterdam 2004, S. 51-58 (Kapitel O.T.O und Sexualmagie)
Von Laban, Rudolf: Gymnastik und Tanz. 9. Auflage. Oldenburg 1926.
Voswinckel, Ulrike: Freie Liebe und Anarchie: Schwabing - Monte Verità. Entwürfe gegen das etablierte Leben. München 2009 (edition monacensia).

 

Amen Court. Die heutigen Gebäulichkeiten stammen aus dem 17. Jh. Die Mauer im Hintergrund geht auf die römische Zeit zurück. (Bild Kurt Lussi)


Mord im Kerker und späte Rache

Amen Court und der schwarze Hund von Newgate

Amen Court. Der Name geht zurück auf die Zeit, als an diesem Ort die Häuser der Domherren der nahen Kathedrale St. Paul standen. Hier endete bis zur Reformation die Fronleichnamsprozession mit einem “Amen”. Daher der Name. Die durch den Torbogen zu sehende Mauer im Hintergrund begrenzt den Innenhof gegen das daran anschliessende ehemalige Gefängnis von Newgate. Mit ihm verknüpft sich die Sage vom schwarzen Geisterhund von Newgate. Es wird erzählt, man habe ihn immer nur kurz vor der Hinrichtung eines zum Tode Verurteilten sehen können. Als lautloser schwarzer Schatten oder schemenhaft wahrnehmbarer schwarzer Hund mit offenem Rachen habe er sich oben auf der Mauerkrone oder dann entlang der Wand zur Richtstätte hin bewegt.
Erstmals publiziert wurde die Geschichte im Jahre 1596 im Verlag von G. Simson und W. White unter dem Titel The blacke dogge of Newgate both pithie and profitable for all readers. Gemäss diesen Aufzeichnungen geht die Entstehung des Phänomens auf die Hungersnot zur Zeit der Regierung von Henry III. (1207-1272) zurück. Damals sei ein Hexer und Magier in Haft gekommen, dem Verbindungen zum Teufel nachgesagt wurden. Im Gefängnis, heisst es, sei die Not so gross geworden, dass die Insassen dem Kannibalismus verfallen seien und den Hexer schon bald nach seiner Inhaftierung getötet und verspeist hätten. Kurz nach dem Verbrechen suchte er in Gestalt eines schwarzen Hundes jene Insassen heim, die ihn gemordet hatten. Nacht für Nacht erschien das Geistertier in den dunklen Gängen und frass seine Mörder auf. Einen nach dem andern. Nur dem letzten Überlebenden gelang es, halb wahnsinnig vor Angst, aus dem Kerker zu entkommen und sich so vor der Rache des Hexers zu retten.

Literatur:
Clark, James: Haunted London. Stroud, Gloucestershire 2007, S. 86-87.


Oben: Das zwischen 1620 und 1642 erbaute "Witch House" in Salem, Massachusetts, um 1910. Unten: der puritanische Prediger Cotton Mather und ein auf den 15.9.1692 datiertes Dokument, das zur Verurteilung der angeblichen Salem-Hexe Margret Scott führte.


Relikte der Hexenprozesse von 1692 in Salem, Massachusetts, USA

Das Hexenhaus von Salem

Das Hexenhaus von Salem im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts war das Heim des Politikers, Kaufmanns und späteren Hexenrichters Jonathan Corwin (1640-1718). Es ist das letzte noch stehende Gebäude von Salem, das einen direkten Zusammenhang mit den Hexenprozessen von 1692 hat, in dessen Verlauf 19 Personen gehängt wurden. Ein weiterer Angeklagter, der 81 Jahre alte Giles Coray, starb unter der Folter.
Ausgelöst wurde der Hexenwahn durch zuerst zwei, dann drei und schliesslich acht junge Mädchen, die im harten Winter 1691/1692 plötzlich hysterische Anfälle bekamen, auf dem Boden herumkrochen und seltsame Worte stammelten. In der streng puritanischen Gemeinschaft, deren Leben von ebenso wortgewaltigen wie fanatischen Laienpredigern diktiert wurde, konnte dies nur das Werk von Hexen sein, die sich dem Teufel verschworen hatten. Unter dem Druck der Prediger und der Eltern bezichtigten die Mädchen schliesslich verschiedene Einwohner der Hexerei.
Puritaner wie Samuel Parris (1653-1720) und der Prediger Cotton Mather (1663-1728), die in den Hexenprozessen von Salem treibende Kräfte waren, hegten die Überzeugung, sie und ihre Getreuen würden zu den von Gott Auserwählten gehören, während alle anderen Menschen, egal welcher Religion und Rasse, im Jüngsten Gericht der ewigen Verdamnis anheimfallen würden.
Sich auf die Bibel berufende, den nahen Weltuntergang prophezeienden und Rettung versprechende christlich-fundamentalistische Fanatiker gibt es auch im 21. Jahrhundert. Obschon die alle paar Jahre von ihnen verkündeten Weltuntergänge weder eingetroffen sind noch eintreffen werden, haben sie erstaunlichen Zulauf verunsicherter Menschen. Fazit: Die Wahnvorstellungen der evangelikalen Prediger von 1692 sind nicht Geschichte. Sie haben bloss neue Formen und Dimensionen angenommen. Die selbst ernannten Laienprediger sind heute in international agierenden Sekten organisiert, die mit dem Schüren von Angst, Hass, drohendem Weltuntergang und Jüngstem Gericht den Gutgläubigen und Einfältigen dieser Welt in grossem Stil das Geld aus den Taschen ziehen.
PS: Nach dem Ende der Prozesse von 1692 und der Freilassung der letzten Inhaftierten gaben die acht Mädchen zu, die hysterischen Anfälle bloss gespielt zu haben um sich etwas Abwechslung zu verschaffen.

Link:

Der falsche Prophet. Weltuntergang von 2011

Mephistopheles und Dr. Faust im Studierzimmer. Postkarte aus dem zaristischen Russland, um 1910. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


Seminar und Fasskeller-Zeremonie im Auerbachs Keller, Leipzig

Hexenwerk und magischer Schutz

«Gesteh ich’s nur! dass ich hinausspaziere verbietet mir ein kleines Hindernis. Der Drudenfuss auf Eurer Schwelle», heisst es in Goethes «Faust. Der Tragödie erster Teil». Anders, als in der Dichtung ist im katholischen Alpenraum die Verwendung des Pentagramms nicht Fiktion, sondern Wirklichkeit. Als magisches Schutz- und Zauberzeichen finden wir es an Scheunenwänden, in Schlafkammern und auf Gegenständen, allein oder zusammen mit Geisterbannzeichen, christlichen Schutzsymbolen und magischen Gebeten, die unter Türschwellen verborgen oder an Wände geheftet werden. In diesem Seminar befassen wir uns jedoch nicht nur mit den magischen Zeichen und ihrer Anwendung im bäuerlichen Alltag, sondern auch mit den zum Teil heute noch gebräuchlichen Bann- und Zaubersprüchen, magischen Ritualen und kirchlichen Exorzismen. Alle diese Dinge haben den Zweck, die dunklen Mächte von Haus und Hof fernzuhalten, sie zu bannen und im Bedarfsfall wieder zu vertreiben.
Das Seminar findet im historischen Auerbachs Keller in Leipzig statt und knüpft inhaltlich an Goethes Faust I an. Auerbachs Keller ist die bekannteste und zweitälteste Gaststätte Leipzigs, die schon im 16. Jahrhundert zu den beliebtesten Weinlokalen der Stadt gehörte. Seine weltweite Bekanntheit verdankt der Ort der Verbindung mit Johann Wolfgang von Goethe, in dessen «Faust. Der Tragödie erster Teil» eine Szene im Auerbachs Keller spielt.

Datum:
Der Anlass wurde auf September 2021 verschoben.

Ort:
Auerbachs Keller Leipzig
Grimmaische Strasse
Mädler Passage 2-4
D-04109 Leipzig
Link zur Webseite der Gaststätte.

Ablauf:
14.00 – ca. 16.30       Seminar
17.00 – ca. 18.00       Fasskeller-Zeremonie im Auerbachs Keller
ab etwa 18.30            Nachtessen im Auerbachs Keller mit sächsischen Spezialitäten

Preise:
Seminar:                     € 93.-

Im Seminarpreis ist die Teilnahme an der Fasskeller-Zeremonie bereits enthalten. Nicht enthalten sind, falls gewünscht, die Kosten für den Begrüssungscocktail «Mephisto Feuer» (€ 5.90 pro Person) sowie jene für die Verjüngungszeremonie samt Verjüngungstrunk (€ 4.90 pro Person).  

Nachtessen:
Nicht inbegriffen. Teilnahme fakultativ

Anmeldung:
Anmeldung ausschliesslich über:

Marcel Hochberger
Phone: 0049 / 0176 / 4078 2884
Mail:ophioukos@gmx.de

Die Teilnehmerzahl ist beschränkt. Für Kinder nicht geeignet.

 

Ein «Patent Iron Coffin» in der Krypta von St. Mary le Bow, Fleet Street, London. (Bild Kurt Lussi)


Und bewahre uns vor Leichenräubern...

Der patentierte Sicherheitssarg in der Krypta von St. Mary le Bow, London

Bis zum Erlass des Anatomy Act von 1832 (2 & 3 Will. IV c.75) wurde in England und Wales die Leiche eines Hingerichteten nur zur Obduktion freigegeben, wenn dies im Todesurteil ausdrücklich vorgesehen war. Dies war für medizinische Hochschulen und Forschungseinrichtungen bis dahin die einzige Möglichkeit, legal an Leichen zu kommen. Gedeckt wurde die Lücke durch Bodysnatchers oder Resurrectionists, die Leichen aus Aufbahrungshallen und frisch angelegten Gräbern entwendeten und sie anatomischen Instituten, Chirurgen und Hochschuldozenten verkauften. Um die sterblichen Überreste eines lieben Angehörigen vor diesem Schicksal zu bewahren, hatten Bestattungsunternehmer wie W. Meredith in der Goswell Street und G. & J. Offor, Postern Row, Tower Hill (heute A 100) einen eisernen Sicherheitssarg im Angebot. War er einmal geschlossen, liess er sich dank eines ausgeklügelten Mechanismus nicht mehr öffnen. Der Preis richtete sich nach dem Gewicht. Das grösste Modell hatte eine Länge von 6 feet und kostete 5 £ 10 s.
Das Anatomiegesetz von 1832 erlaubte den Wissenschaftlern neu auch von Anverwandten nicht beanspruchte Leichen zu sezieren (was bis anhin nicht gestattet war). Im Gegenzug verlangte das Gesetz die Ernennung von Inspektoren. Sie hatten darüber zu wachen, dass in den Instituten keine Leichen mehr illegal seziert wurden. Diese Massnahmen konnten den Schwarzhandel mit Leichen zwar nicht gänzlich unterbinden, erschwerten ihn jedoch in einem Masse, welches die Leichenräuberei zu einem schwierigen und kaum noch lukrativen Geschäft machte. In der Folge ging die Herstellung von Sicherheitssärgen mangels Nachfrage ständig zurück und kam nach der Mitte des 19. Jahrhunderts schliesslich ganz zum Erliegen.

Siehe auch den Beitrag im Magischen Lexikon (Link)

Literatur:
Bell, Neil R. A; Trevor N. Bond; Kate Clarke und M. W. Oldridge: The A-Z to Victorian Crime. Gloucestershire 2016.
Leyland, Simon: A Curious Guide to London. Tales of a City. London 2014, S. 184-185.

Die Waterloo Bridge vom Südufer der Themse aus gesehen. Die Cleopatra’s Needle befindet sich links vom nördlichen Brückenende (auf dieser Aufnahme nicht zu sehen). Postkarte um 1890. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


Waterloo Bridge, London

Morde, Suizide und ein kopfloser Geist

Auf keiner anderen Brücke Londons spuken so viele Geistwesen, wie auf der Waterloo Bridge. Und von keiner anderen springen so viele Menschen in den Tod, wie von dieser. In den späten 1890er Jahren war dies nach Elliott O’Donnell (1872-1965) fast nächtlich der Fall.
Das Ungute, das der Waterloo Bridge anhaftet, scheint auf einen mysteriösen Fund zurückzugehen. Am Freitag, dem 9. Oktober 1857,entdeckten zwei Flussschiffer auf dem Vorsprung eines Brückenpfeilers einen grossen Seemannssack, in dem sich Teile einer männlichen Leiche befanden. Kopf, Hände und Füsse fehlten. Ein von Messereinstichen durchlöcherter Mantel wies darauf hin, dass der Tote wohl dem oberen Mittelstand zuzuordnen sei.
Die Herkunft des Mannes und die Identität seines Mörders bleiben bis heute im Dunkeln. Doch seither wird öfters die Gestalt eines vornehm gekleideten Gentlemans gesehen, der in seiner Westentasche eine goldene Uhr trägt. Ein Stadtstreicher, der sie ihm einst heimlich entwenden wollte, griff zu seinem Entsetzen ins Leere. Andere sahen die spukhafte Gestalt, wie sie als kopfloses Wesen über die Brücke geisterte. Hier traf in den 1920er Jahren auch ein patrouillierender Polizeibeamter auf jene geheimnisvolle, viktorianisch gekleidete Frau, die ihn zur Cleopatra’s Needle führte, wo sie sich im Nichts auflöste (siehe Beitrag unten).
Bekannt wurde die Waterloo Bridge zudem durch den Umstand, wonach sich hier Geheimdienste und kriminelle Banden unliebsamer Personen entledigten. Am 7. September 1978 erhielt der bulgarische Dissident Georgi Markov, als er auf der Brücke auf den Bus wartete, mit der Spitze eines Regenschirms – scheinbar unabsichtlich – einen Stich ins Bein. Vier Tage später war er tot. Die Obduktion ergab, dass die Spitze des Regenschirms offenbar einen verborgenen Mechanismus hatte, mit dem ein tödliches Gift injiziert werden konnte. Bei diesem handelte es sich um Ricin, ein äusserst giftiges und in kleinsten Mengen tödlich wirkendes Protein, das aus den Samen des Wunderbaums (Ricinus communis) gewonnen wird.

Literatur:
Clark, James: Haunted London. Stroud, Gloucestershire 2007, S. 65-68.
O'Donnell, Elliott: Ghosts of London. New York 1933.
O'Donnell, Elliott: Great Thames Mysteries. London 1930.

Cleopatra's Needle. Victoria Embankment, London. Originalbild aus der Zeit um 1880. (Bild und Sammlung Kurt Lussi)


Cleopatra’s Needle, London

Das unheimliche Tor zum Jenseits

Die Entstehung des hart am Themseufer stehenden Obelisken fällt in die Zeit des ägyptischen Königs Thutmosis III., der von 1486-1425 v. Chr. lebte. Im Jahre 1819 schenkte Muḥammad ‘Alī Bāshā, zu dieser Zeit amtierender ottomanischer Gouverneur von Ägypten, die Granitnadel dem britischen Empire. Danach schlummerte sie während Jahrzehnten im Wüstensand Ägyptens. Erst 1877 fanden sich die Mittel, um das steinerne Monument nach England zu verschiffen. Damit begann das Unheil. Bereits der Transport von Alexandrien nach London forderte das Leben von sechs Seeleuten, als die vom Dampfer „Olga“ geschleppte Barke "Cleopatra" (deren Name später auf die Granitnadel überging, obschon diese mit der ptolemäischen Königin Cleopatra keinen Zusammenhang hat) im Golf von Biskaya in einen schweren Sturm geriet.
1878 wurde der Obelisk am heutigen Platz aufgestellt. Seither wird er mit Ereignissen in Zusammenhang gebracht, die wie bei den sechs Seeleuten mit vorzeitigem Tod und damit nicht erfülltem Leben zu tun haben. Lebensmüde scheinen durch eine von ihm ausgehende negative Energie magisch angezogen zu werden. Oder dann folgen sie Cleopatra nach, die in einer scheinbar aussichtslosen Situation ebenfalls in den Freitod ging. Nirgendwo entlang der Themse, heisst es jedenfalls, nähmen sich so viele Menschen das Leben wie hier, obschon das Wasser an dieser Stelle nicht besonders tief und bei Ebbe das Ertrinken fast nicht möglich ist. Zudem wäre ein Sprung von der nahe gelegenen Tower Bridge oder der Waterloo Bridge (siehe oben) weitaus sicherer, um vom Diesseits ins Jenseits zu gelangen.
Genährt wird der Glaube an das vom Obelisken ausgehende Unheil durch Berichte von Passanten, die ein Stöhnen und Jammern vernommen haben wollen, das von seinem Innern auszugehen schien. Andere erzählen, sie hätten in der Dunkelheit eine aus dem Nebel kommende, schemenhaft nackte Gestalt gesehen, die in die Themse gesprungen sei, ohne dass man den Aufprall auf dem Wasser habe hören können. In den 1920er Jahren, wird weiter berichtet, sei ein auf der nahen Waterloo Bridge patrouillierender Polizist von einer hysterischen Frau in viktorianischen Kleidern angesprochen und um Hilfe gebeten worden. Sie berichtete ihm mit hastiger Stimme, jemand wolle sich bei Cleopatra’s Needle das Leben nehmen. Als er keuchend am Fuss der Nadel stand, fand er sich just jener Lady gegenüber, der er zuvor begegnet war. Doch bevor er etwas sagen oder tun konnte, löste sich die altmodisch gekleidete Gestalt im Nichts auf. Dieses Ereignis inspirierte den Autor William Meikle zur Kurzgeschichte The Curious Affair on the Embankment, die er im Schreibstil von Arthur Conan Doyle verfasste und 2017 publizierte.

Literatur:
Jones, Richard: Walking Haunted London. 25 original walks exploring London’s Ghostly Past. Northampton 2007, S. 114.
Luckhurst, Roger: The Mummy's Curse. The True History of a Dark Fantasy. Oxford 2012, S. 146-147; 167.
Meikle, William: The Ghost Club. Newly Found Tales of Victorian Terror. Milton Keynes 2017, S. 225-246.

Die um 1840 erbaute Wassermühle am Flüsschen Rogačica. (Bild: Borilsav Jagodic)


Graf Draculas langer Schatten

Sava Savanović – ein serbischer Vampir

Die Ereignisse, von denen hier die Rede ist, spielten in einer kleinen Mühle am Flüsschen Rogačica in der serbischen Gemeinde Zarožje. Aufgezeichnet hat sie 1880 der serbische Schriftsteller, Übersetzer und Journalist Milovan Glišić unter dem Titel "Posle devedeset godin" (dt. "Nach neunzig Jahren"). Darin geht es um einen Vampir namens Sava Savanović, der nachts die in der Wassermühle tätigen Müller anfällt und zu Tode würgt. Schliesslich gelingt es den Dorfbewohnern von Zarožje mithilfe eines schwarzen Hengstes das einsame Grab des Vampirs zu lokalisieren und ihn mit einem durch die Brust geschlagenen Pfahl und in den Mund gegossenem Weihwasser zu töten.
Verschiedene Hinweise Glišićs, unter anderem die Erwähnung von damals verbreiteten osmanischen Kleinmünzen wie dem Akçe (mit einem Gewicht von je 0,33 bis etwa 0,5 Gramm; 3 Akçe=1 Para), lassen die Entstehung der Legende in die Zeit vor 1800 vermuten (Serbien war bis 1804 Teil des Osmanischen Reiches). Sava Savanović, sofern es ihn tatsächlich gegeben hat, dürfte folglich um 1700 bis 1710 verstorben sein. Sein Tod fällt in eine Epoche, in der im benachbarten Istrien und im Herzogtum Krain (heute Teil Sloweniens) die ersten Vampire auftraten (u. a. Giure Grando, verstorben 1656, ab 1672 Erscheinung als Untoter und Vernichtung, 1689 ausführliche Beschreibung seines Auftretens und seiner Vernichtung in Johann Weichard Valvasors "Die Ehre des Hertzogthums Crain").
Von der ursprünglichen Mühle, in der Sava Savanović über die Bewohner herfiel, stehen nur noch Teile des Steinfundaments. Der schlichte Bau, der heute den Besuchern als „Wirkungsort“ des Vampirs gezeigt wird, ist erst in den 1840er Jahren entstanden, hat also mit der ursprünglichen Legende nichts zu tun. Trotzdem: Als im Herbst 2012 die baufällige Wassermühle von 1840 in sich zusammenstürzte, erlangte Sava Savanović internationale Bekanntheit. Besorgt über die nunmehrige Obdachlosigkeit des Vampirs hingen die Talbewohner auf Empfehlung der Gemeindeverwaltung Kreuze und Knoblauch an die Haustüren. Bei der von den Behörden herausgegebenen und in der Presse verbreiteten Empfehlungen dürfte es sich wohl um eine PR-Aktion handeln, um nach dem Vorbild Rumäniens in Zarožje den Vampir-Tourismus anzukurbeln.

Literatur:
Glišić, Milovan (Autor), Andrew Boylan (Vorwort), James Lyon (Übersetzer): After Ninety Years. 2015. (Serbischer Originaltitel: Posle devedeset godina, publiziert 1880).
Valvasor, Johann Weichard von: Die Ehre des Hertzogthums Crain - Band VI - Von der Istrianer Sprache / Sitten und Gewohnheiten. Laybach und Nürnberg 1689.
Wölfl, Adelheid: Tourismus in Serbien: Ein Vampir namens Sava Savanović, in: Der Standard. Ausgabe vom 1. Mai 2013.

Pendel mit Glas und Pentagramm. Den dazu gehörigen Artikel finden Sie im Magischen Lexikon unter dem Begriff "Viktorianische Séance". (Bild Kurt Lussi)


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Leichenfeier in Lăzarea, einem vorwiegend von ungarischen Szeklern bewohnten Dorf im Osten von Transsylvanien. Im Hintergrund der mit weissen Kreuzen bemalte (noch leere) Sarg, den vielleicht die beiden Männer links im Bild gebracht haben. In der Mitte und rechts Familienangehörige und Klageweiber, die im Auftrag der Angehörigen die traditionellen Klagelieder singen. 1918 datierte Fotografie eines deutschen oder österreichischen Soldaten. (Bis 1918 gehörte Transsylvanien zum Königreich Ungarn und damit zur österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie.) (Sammlung Kurt Lussi)


Leichenfeier in Lăzarea, Rumänien, 1918

Transsylvanisches Begräbnis

Im gesamten Balkanraum befolgt man bei der Bestattung eines Verstorbenen von der Tradition vorgeschriebene Regeln. Eine besondere Bedeutung hat die Waschung der Leiche. Sie dient nicht nur der Reinigung des Körpers, sondern man bezweckt damit auch die Sündentilgung: Mit Wasser und Seife sollten die am Körper noch anhaftenden Sünden abgewaschen werden. Danach zieht man dem Toten neue Kleider an, damit er auf seiner Wanderschaft ins Jenseits gerüstet ist und in sauberer Aufmachung vor den Allmächtigen treten kann.
Dem Toten gab man bis in die neueste Zeit Dinge mit ins Grab, die seine Wiederkehr als Vampir verhindern sollten. Dazu gehörten Münzen. Mit diesen entlohnte er den Fährmann, der ihn über den Totenfluss setzte, der das Diesseits vom Jenseits trennt. Als Wegzehrung für senen Gang ins Reich der Schatten legte man ihm an einigen Orten Brot, Obst, Käse und Fleisch in den Sarg (Busbeque, Jagodina, 1564), manchmal auch Wein und Schnaps.
Besonders wichtig waren die Klagelieder, die von eigens dafür engagierten Klageweibern gesungen wurden. Diese Frauen achteten streng darauf, dass ihre Trauerbezeugungen nicht ausuferten, denn man glaubte, eine übermässige Trauer würde die Sehnsucht des Toten nach den Lebenden wecken und damit seiner ewigen Ruhe im Wege stehen.
Damit der Tote nicht als unliebsamer Wiedergänger oder Vampir zu den Lebenden zurückkehrt, streut man ihm sicherheitshalber noch heute Mohnsamen in den Sarg. Mit dem Brauch verbindet sich der Glaube, wonach der Verstorbene erst die Samen zählen muss, bevor er als Untoter sein Grab verlassen und zu den Lebenden zurückkehren kann (was ihm vor der Morgendämmerung nie gelingt). Apotropäischen Charakter haben auf dem Bild aus Lăzarea vielleicht auch die auf dem Sarg aufgemalten weissen Kreuze. Sie sollten den Toten wohl am Verlassen des Grabes hindern. Einen möglichen Beleg dafür finden wir in einem aus der Krajina (Serbien) überlieferten Brauch: Um einem allfälligen Vampir den Zutritt zu Haus und Hof zu verwehren, malte man schwarze Pechkreuze auf die Eingangstüren.

Literatur:
Kreuter, Peter Mario: Der Vampirglaube in Südosteuropa: Studien zur Genese, Bedeutung und Funktion – Rumänien und der Balkanraum. Berlin: Weidler, 2001.
Schneeweis, Edmund: Serbokroatische Volkskunde. Berlin: de Gruyter, 1961.

 

Nächster Anlass:

Sa 06.03.21

Hexen und Heiler

Sa 13.11.21

Wiedergänger, Nachzehrer, Vampire. Seminar in Salzburg